Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Der Suchdienst des IRKR und das Sonderstandesamt Arolsen

Wie Auschwitzleugner richtige Zahlen in einen falschen Zusammenhang stellen

BEHAUPTUNG:

Kann man anhand der Zahlen des Sonderstandesamtes Arolsen beweisen, dass das NS-Regime viel weniger Menschen ermordet hat, als man in Geschichtsbüchern liest?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das ist nicht so. Die Organisation in Arolsen hat immer wieder betont, dass ihre Zahlenangaben ausdrücklich nicht die Opfer der NS-Massenmorde z.B. in Gaskammern mit einschließen.

Die „Revisionisten“ – genauer gesagt, die Leugner des Judenmordes – benutzen mitunter amtlich wirkende Zahlen, um zu „beweisen“, dass im Holocaust erheblich weniger Opfer umgekommen seien, als in historischen Werken gemeinhin nachzulesen ist.

Viele dieser Zahlen sind jedoch frei erfunden, während andere Angaben von den Leugnern des Judenmordes bewusst in einen falschen Kontext gestellt werden, um den gewünschten Eindruck zu erwecken.

Immer wieder gern und falsch zitiert: Arolsen

In diesem Zusammenhang nennen die Geschichtsfälscher gelegentlich auch Zahlen, die (manchmal angeblich, manchmal tatsächlich) vom Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen stammen [vgl. Arolsen Archives]. Bis 2019 firmierte die Organisation unter dem Namen „Internationaler Suchdienst“ (englisch „International Tracing Service“, kurz ITS), danach wurde sie in Arolsen Archives umbenannt.

Die Arolsen Archives weisen ausdrücklich darauf hin, dass von ihrer Seite niemals „amtliche“ oder endgültige Zahlen zum Holocaust veröffentlicht wurden, und hält es anscheinend aufgrund der immer wieder auftauchenden falschen Behauptungen von Holocaustleugnern auch heute noch für nötig, auf ihrer Website darauf aufmerksam zu machen, dass von Seiten des Archivs niemals offizielle oder „amtliche“ Zahlen zum Holocaust verbreitet worden seien [vgl. Arolsen Archives, Faktencheck: Dieses Dokument relativiert nicht den Holocaust!].

Nur für einen Bruchteil der von den Nationalsozialisten Ermordeten kann das Sonderstandesamt Sterbeurkunden ausstellen. Für die Bestätigung des Todes von Menschen in Ghettos, für die in den Vernichtungslagern Ermordeten oder die Opfer der Massenerschießungen ist das Amt nicht zuständig.

Arolsen Archives, Warum so „wenige“ beurkundete Tote?

Diese Organisation sucht nach Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges verschollen sind, und berücksichtigt dabei verschiedene Personengruppen, wie etwa: Kriegsgefangene, Menschen, die in Konzentrationslager deportiert wurden, verschleppte Personen, die in die Obhut internationaler Hilfsorganisationen kamen, und zieht bei den Nachforschungen verschiedene Dokumentenquellen heran. In der Sammlung finden sich Hinweise auf mehr als 17 Millionen Menschen (Stand: Ende 2025). Die drei größten erfassten Gruppen sind „Inhaftierung, Zwangsarbeit und Displaced Persons“. Wenn Todesfälle eindeutig geklärt werden können, stellt das Sonderstandesamt Arolsen den Totenschein aus. Die Behörde schreibt auf ihrer Webseite:

Das Sonderstandesamt ist eine einmalige Einrichtung, die es nur in Bad Arolsen gibt. Aufgabe des Amtes ist die Beurkundung von Sterbefällen in den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern. Hierbei arbeitet das Sonderstandesamt mit den Arolsen Archives eng zusammen, der seinen Sitz ebenfalls in Bad Arolsen hat.

Webseite Sonderstandesamt Arolsen

Im Laufe der Zeit verlagerte sich die Arbeit der Arolsen Archives von der Suche nach Personen hin zur Dokumentation. Das Archiv beantwortet immer noch Suchanfragen, steht nun aber auch der historischen Forschung offen.

Klärung von Schicksalen – veränderte Zahlen

Aufgrund der fortlaufenden Arbeit der Suchdienste erhöhte sich die Zahl der geklärten Schicksale von Jahr zu Jahr. Auch dies – die Tatsache, dass sich die Zahl verändert – wird von Holocaust-Leugnern gelegentlich als Argument missbraucht. Aus der wiederholten Veränderung der „amtlich festgestellten Zahl“, so behaupten sie, gehe hervor, dass die Behörden zu manipulieren versuchen.

Die älteste, aber bis zur Gegenwart immer wieder zitierte „Quelle“ zur Verharmlosung des Völkermordes ist eine aus den frühen Nachkriegsjahren stammende angebliche amtliche Feststellung des Roten Kreuzes, nach der es insgesamt im NS-Staat höchstens 300 000 Opfer rassischer, religiöser und politischer Verfolgung gegeben habe. Die erst in Schweizer Zeitungen, dann unter deutschen Rechtsextremisten verbreitete Angabe ist eine Erfindung von interessierter Seite.

Wolfgang Benz, Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 109

Richtigstellungen schon vor Jahrzehnten

Schon im Jahre 1955 schrieb das Rote Kreuz auf Anfrage an Dr. Krausnick vom Institut für Zeitgeschichte, dass diese Organisation keine Angaben über die Gesamtzahl der Opfer des Nationalsozialismus veröffentlicht habe [vgl. Benz, Legenden, S. 108].

Faksimile: Ein doppelseitiges Schreiben vom internationalen Komitee des Roten Kreuzes, oben mit Siegel der Organisation und Eingangsstempel des Instituts für Zeitgeschichte. Als Empfänger direkt angesprochen ist der Historiker Krausnick, der beim Roten Kreuz angefragt hat.

Schreiben des RK: Keine amtlichen Zahlen zum Holocaust (17. August 1955). Quelle: Benz, Legenden.

Ungefähr zwanzig Jahre später scheint diese Falschmeldung wieder aufgetaucht zu sein. Auch aus dem Faksimile des Briefes unten aus dem Jahre 1976 geht hervor, dass sich die betreffende Statistik nicht auf die Gesamtzahl der Opfer bezieht, und dass die Zahlen in diesem konkreten Fall nicht einmal vom Roten Kreuz stammen [vgl. Bailer-Galanda, Wahrheit und „Auschwitzlüge“, S. 148].

Faksimile: Ein weiterer Brief des Roten Kreuzes, dieses Mal an Professor Steiner, in dem die Organisation abermals erklärt, dass ihr Ruf und ihre Angaben missbraucht werden.

Ein weiteres Schreiben vom Roten Kreuz: keine amtliche Gesamtzahl (3. September 1976). Quelle: Bailer-Galanda, Auschwitzluege.

Das Rote Kreuz sah sich immer wieder gezwungen, diese und ähnliche Falschmeldungen richtigzustellen. Im Jahre 1977 verdeutlichte A. de Cocatrix, der Leiter des Internationalen Suchdienstes, auf einer internationalen Konferenz noch einmal, was der Suchdienst in Zusammenarbeit mit dem Sonderstandesamt Arolsen tut beziehungsweise nicht tut. Insbesondere erklärte Cocatrix dort, dass folgende Gruppen von Opfern des Nationalsozialismus vom Sonderstandesamt Arolsen nicht erfasst werden:

a) Todesfälle in Vernichtungslagern. Die zur Vernichtung bestimmten Personen wurden ohne Registrierung in die Gaskammern gebracht. Das gleiche gilt für die nach Auschwitz deportierten Juden, die nach der "Selektion" für die Gaskammern bestimmt waren.
b) Todesfälle zum Teil vor bzw. kurz nach der Befreiung
c) Todesfälle in Konzentrationslagern, für die keine Unterlagen beim ITS vorliegen
d) Todesfälle von Personen, die in die Konzentrationslager zur Exekution überstellt wurden.

A. de Cocatrix, Direktor des Internationalen Suchdienstes Arolsen, zit. n. B. Bailer-Galanda, Die Auschwitzleugner, S. 80

Was Arolsen nie erfasst hat

Das Rote Kreuz bzw. das Sonderstandesamt Arolsen hat niemals endgültige oder amtliche Angaben zur Gesamtzahl der Opfer des Holocaust gemacht [vgl. auch Ernst Zündels „amtliche“ Opferzahlen und Gut sortiert ist halb gelogen].

Die manchmal von „Revisionisten“ vorgebrachte Behauptung, das Sonderstandesamt bzw. das Rote Kreuz hätte „amtlich gesicherte Mindestzahlen“ veröffentlicht, soll suggerieren, die Zahlen, die von der Geschichtsforschung für die Opfer der Gaskammern ermittelt wurden, seien nicht endgültig und damit nicht gesichert – und vor allem viel zu hoch.

Die von Holocaustleugnern immer wieder vorgebrachte Behauptung, Arolsen habe „amtlich gesicherte Zahlen“ ermittelt, dient einzig dem Zweck, die millionenfachen Morde in den Gaskammern und bei den Massenerschießungen als übertrieben oder ungesichert hinzustellen. Anders ausgedrückt, ziehen die Hitler-Apologeten die erwähnte Zahl von 300.000 bis 400.000 angeblich „gesicherten“ Opfern heran, um mit ihrer Hilfe die Zahl von mehreren Millionen Opfern der Gaskammern zu bestreiten.

Die Arolsen Archives beweisen nicht, dass der Holocaust viel „kleiner“ war, sondern belegen lediglich die Tatsache, dass die Holocaustleugner im Grunde genau wissen, wie schwach ihre argumentative Position ist. Wer zu solchen Tricks greifen muss, kann in der Geschichtswissenschaft nicht auf Augenhöhe mitreden.

Quellen und Verweise

  1. Wolfgang Benz, Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 108
  2. B. Bailer-Galanda, Die Auschwitzleugner
  3. B. Bailer-Galanda, Wahrheit und Auschwitzlüge
  4. Webseite Sonderstandesamt Arolsen
  5. Arolsen Archives, Warum so „wenige“ beurkundete Tote?