Gut sortiert ist halb gelogen
Zahlen, bitte! Möglichst viele falsche Zahlen!
Unter den Holocaustleugnern kursieren verschiedene Versionen einer Tabelle mit Opferzahlen für das Vernichtungslager Auschwitz, die in dieser oder ähnlicher Form präsentiert wird:
Amtliche Zahlen der festgestellten Holocaust-Juden von Auschwitz
Welche Zahl müssen wir gemäß Holocaust-Gesetz glauben?
Welche Zahl wird nicht als Holocaust-Leugnung verfolgt?
Welche Zahl wird nicht als Antisemitismus verfolgt?
Welche Zahl wird nicht als Rassenhaß verfolgt?
Welche Zahl ist richtig und warum?
Welche Zahl wird "wieder gutgemacht"?
National Journal, 1998
Die Zahlen stammen aus verschiedenen Quellen und sind teilweise sogar frei erfunden; vgl. auch Ernst Zündels „amtliche“ Todeszahlen. Durch die Fülle an falschen Zahlen, die angeblich „amtlich“ seien, soll der Eindruck erweckt werden, auch die von Historikern ermittelten und vielfach bestätigten Opferzahlen von Auschwitz seien nicht glaubwürdig.
Eine von Holocaustleugnern fabrizierte Liste mit falschen Opferzahlen für das Vernichtungslager Auschwitz.
Eigenwillige Sortierung
Zunächst fällt auf, dass die Sortierung etwas eigenwillig ist. Vermutlich wollte das National Journal, das die Tabelle verbreitet hat, mit dieser Art der Darstellung suggerieren, die Zahlen der jüdischen Opfer, die von der Geschichtswissenschaft für das Vernichtungslager Auschwitz veranschlagt werden, seien stetig gesunken und würden weiter sinken, bis eines Tages „bewiesen“ ist, dass es in Auschwitz überhaupt keine Vergasungen gab.
Mit Geschichtswissenschaft hat das natürlich nichts zu tun. Es mag ja sein, dass an einigen Stellen falsche Zahlen veröffentlicht wurden, aber die Veröffentlichungen in verschiedenen Medien – in diesem Fall häufig Tageszeitungen – oder die Äußerungen einiger Personen können nicht das aufheben, was Historiker in jahrzehntelanger Kleinarbeit herausgefunden haben.
Bereits 1961 kam Raul Hilberg in seiner akribischen Studie Die Vernichtung der Europäischen Juden zu dem Ergebnis, dass in Auschwitz etwa 1 Million Menschen ermordet wurden. Diese Zahl wird oben unter dem Jahr 1995 als Zahl des IfZ aufgeführt. Damit hat das National Journal, freilich ohne es zu wollen, selbst dokumentiert, dass die Zahlen für die Auschwitz-Opfer in der Geschichtswissenschaft über 35 Jahren hinweg stabil geblieben sind – also genau das Gegenteil von dem, was die Auschwitzleugner suggerieren möchten.
Da die Geschichtswissenschaft also nichts hergibt, versuchen die „Revisionisten“, ihren Zahlen wenigstens einen offiziösen Anstrich zu geben – als hätten Behörden und Regierungen jemals die Aufgabe gehabt, historische Fakten von Amts wegen festzustellen. Dieser Ansatz kommt im oben zitierten, einleitenden Satz zum Ausdruck: „Amtliche Zahlen der festgestellten Holocaust-Juden von Auschwitz“
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Es gibt keine „amtlichen“ Zahlen
Die Behauptung, es handele sich hier um amtliche Zahlen, entspricht, wie sich anhand einiger Stichproben leicht nachweisen lässt, meist nicht der Wahrheit, oder es handelt sich um falsche Feststellungen, die von der Geschichtswissenschaft längst verworfen wurden.
Historiker forschen, folgen den Quellen und lernen dazu. Den aktuellen Stand der Forschung zu ignorieren und ihnen viel ältere Zahlen von Dritten anzulasten, ist ungefähr so, als wollte jemand mit einer uralten Karte, auf der Amerika noch nicht eingezeichnet ist, den Nachweis führen, dass Bielefeld nicht existiert.
Auf den Webseiten des National Journal wird die erste Zahl aus der oben gezeigten Liste folgendermaßen kommentiert:
Das ist ein offizielles Dokument der Ermittlungsergebnisse der französischen Regierung im Zusammenhang mit NS-Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in NS-Konzentrationslagern. Es stammt aus dem Jahre 1945 Zu diesem Zeitpunkt, so sollte man annehmen, hätten die Ermittlungsergebnisse ganz besonders exakt sein müssen, da die Erinnerungen noch frisch und die Dokumente noch zugänglich waren.
National Journal, 1998
Mangelndes Wissen kurz nach dem Krieg
Diese Zahl von acht Millionen Auschwitz-Opfern beruht auf den allerersten Aussagen von Zeugen unmittelbar nach Kriegsende, und sie wurde von einer Nachrichtenagentur veröffentlicht. Selbstverständlich hat die Geschichtswissenschaft diese Angabe nicht kritiklos übernommen, was nebenbei auch belegt: Historiker brauchen die „Revisionisten“ nicht, um fehlerhafte Darstellungen auszuschließen. Sie tun dies selbst, weil die kritische Prüfung des Materials zum grundlegenden Handwerkszeug der Geschichtswissenschaft gehört.
Obendrein ist dies ein schönes Beispiel für die Pappdrachen-Strategie der Holocaustleugner. Erst beteuern sie, irgendeine Angabe sei ungeheuer glaubwürdig und habe ein enormes Gewicht gehabt, und dann erlegen sie heldenhaft die falsche Angabe, die sie selbst mit großem Nachdruck verbreitet haben. Welche Historiker haben diese absurde falsche Zahl benutzt? Offensichtlich haben die „Revisionisten“ keine gefunden, sonst hätten sie die Namen genannt. Wer nichts hat, muss sich halt etwas ausdenken.
Der „Groß-Rabbiner von Polen“, der an zweiter Stelle genannt wird, ist ebenso wenig eine amtliche Quelle, wie es die in den folgenden Zeilen genannten Zeitungen sind.
An fünfter Stelle wird schließlich Eugen Kogons Buch Der SS-Staat aufgeführt. Auf Seite 176 habe Kogon 4,5 Millionen Auschwitz-Opfer genannt. Hier hat Kogon in der Tat einen Fehler gemacht – allerdings nur in Bezug auf die Verteilung der jüdischen Opfer auf die verschiedenen Vernichtungslager und nicht in Hinblick auf die Gesamtzahl der Opfer aller Lager, die er weitgehend richtig einschätzte.
Der Grund dafür ist, dass ihm zu dem frühen Zeitpunkt, als er das Buch schrieb (1946), einige Vernichtungslager überhaupt noch nicht bekannt waren. Das National Journal hat in der Liste die falsche Jahreszahl genannt, denn Kogons Buch ist bereits 1946 und nicht, wie oben angegeben, erst 1989 erschienen. In Kogons Aufzählung der Lager fehlen beispielsweise Belzec, Kulmhof (Chelmno) und Sobibor.
Einzelheiten zu Kogons Buch und weitere Anmerkungen zu den Vier Millionen von Auschwitz stehen auf einer anderen Seite.
Vorsichtige Historiker, falsche Zuordnungen
Im übrigen war Kogon durchaus bewusst, dass seine Zahlen mit Vorsicht zu genießen waren. Auf Seite 175 – was das National Journal natürlich nicht zitiert – schreibt Kogon:
Ich hebe ausdrücklich hervor, dass es sich in jedem Fall immer nur um den Versuch von Schätzungen handeln kann.
E. Kogon, Der SS-Staat, S. 175
Die Zahlen, die der Autor selbst als „Versuch von Schätzungen“ bezeichnet, werden vom National Journal als „amtliche Zahlen“ dargestellt – eine glatte Lüge.
Als abschließendes Beispiel für die unredliche Art und Weise, auf welche die nationaljournalistische Liste zustande gekommen ist, soll die vorletzte Eintragung dienen:
31.05.1994 Hoffmann, Stalins Vernichtungskrieg (Seite 302 f.) 74.000
National Journal, 1998
Schlägt man in Joachim Hoffmanns Buch Stalins Vernichtungskrieg nach (5. Auflage 1999), dann findet man allerdings, weit voneinander entfernt, die beiden folgenden Textstellen:
74 000 Todesopfer, wohlgemerkt nur unter den ‚arbeitsfähigen Deportierten‘, sind aus den Registern der in sowjetischen Archiven freigegebenen ‚Sterbebücher‘ (Totenbücher) zu bestätigen. [S. 182]
Daß die dokumentarisch verbürgte Zahl von 74 000 nur einen Teil der tatsächlichen Verluste umfassen kann, dürfte im übrigen nicht zu bezweifeln sein. [S. 327]
Joachim Hoffmann, Stalins Vernichtungskrieg
Joachim Hoffmann neigt durchaus dazu, den Judenmord zu relativieren, wie sein wohlwollendes „Gutachten“ über ein Buch von Germar Rudolf zeigt. Immerhin ist er aber vorsichtig genug, zweimal ausdrücklich zu schreiben, dass die Zahl von 74.000 Toten nur einen Teil der Todesopfer erfasst. Direkt nach Eintreffen der Züge mit deportierten Juden fand auf der berüchtigten Rampe von Auschwitz eine sogenannte „Selektion“ statt. Befristet weiterleben durften nur die arbeitsfähigen Deportierten. Nur sie wurden in den Akten des Lagers registriert, und nur für sie wurde im Todesfall eine Eintragung vorgenommen.
Wer aber aufgrund der „Selektion“ als nicht arbeitsfähig galt – überwiegend Kinder, Alte und Frauen – wurde sofort und ohne Registrierung in die Gaskammern geschickt und ermordet. Die Opfer der Gaskammern tauchen in den „Totenbüchern“ von Auschwitz überhaupt nicht auf.
Das National Journal stellt diese unvollständige Zahl von 74.000 registrierten Toten wahrheitswidrig in einem Kontext dar, der dem Leser suggeriert, Hoffmann habe mit seiner Angabe die Gesamtzahl aller Auschwitzopfer ansprechen wollen. Anscheinend war der Nazi-Postille Hoffmann nicht „revisionistisch“ genug, und sie haben selbst entschieden, was er ihrer Ansicht nach gemeint haben müsste. Dieser fahrlässige Umgang mit Quellen und Autoren – sogar mit jenen, die dem eigenen Standpunkt recht nahe sind – ist ein Markenzeichen dieser Art von Pseudowissenschaft.
Die letzte Zahl stammt angeblich vom Suchdienst des IKRK in Arolsen. Seit Jahrzehnten betont die Einrichtung, dass ihre Angaben nicht geeignet sind, den Holocaust zu bestreiten, und begründet dies so schlüssig, dass jeder vernünftige Mensch dies sofort nachvollziehen kann.
Einige weitere Zahlen aus dieser Liste hat Nele Abels-Ludwig bereits 1998 in einem Usenet-Artikel untersucht. Das Ergebnis war das Gleiche wie hier. Die angeblich „amtliche“ Liste der Opferzahlen für Auschwitz beruht auf Erfindungen, Verdrehungen und Verzerrungen der „Revisionisten“. Es handelt sich hier keineswegs eine fundierte Kritik der „Revisionisten“ an der etablierten Geschichtswissenschaft, sondern vielmehr um ein schlagendes Beispiel für das, was jemand mal als die „konstitutionelle Unehrlichkeit“ der Auschwitzleugner bezeichnet hat.