Die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933
Die Reinigung „von solchem Mist“
Wer Hitler als vorbildhaften Staatsmann darstellen möchte, der muss versuchen, seine Verbrechen zu beschönigen oder zu leugnen. Das große Thema der Hitler-Apologeten ist natürlich das Leugnen der nationalsozialistischen Massenmorde in den Vernichtungslagern.
Einsammeln der Bücher, Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, Bundesarchiv, CC BY 3.0
Doch es gibt neben dem Judenmord noch viele andere Themen, bei denen man beobachten kann, wie die Hitler-Fans das Terrorregime ihres Führers mit Lügen und Fälschungen zu entlasten versuchen. In vielen Fällen drängt sich angesichts der eindeutigen Beweislage allerdings der Verdacht auf, dass die Holocaust-Leugner sehr genau wissen, was im Dritten Reich geschehen ist – und dass sie es nicht nur wissen, sondern insgeheim sogar billigen.
Doppelte Buch-Führung
Ein aufschlussreiches Beispiel für die Doppelmoral dieser Leute war „Manni“, der sich im Usenet immer wieder lautstark über Zensur in Deutschland beklagte, weil das Leugnen des Holocaust strafbar ist. Gelegentlich bemühte er zur Unterstütung seiner Opferrolle sogar Heinrich Heines berühmten Ausspruch: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“.
Auf die Frage, ob er dann folgerichtig auch die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten verurteilen würde, meinte er jedoch:
Die obigen Autoren waren entweder Juden, Kommunisten, Staatsfeinde oder kulturzersetzend. Jede Nation reinigt sich ab und zu mal von solchem Mist. Also Weltliteratur kann man das ja wohl nicht nennen. Grade dieses Literaturschwein Tucholski[!] nicht. Ihre Werke wurden bewußt in andere Nationen eingeschleppt, als Weltliteratur gepriesen und gebauchklatscht, um auch dort die Zersetzung zu vollziehen. Und sollten Schriften nicht zersetzend sein, dann bitte, warum der Index?
„Manni“, de.soc.politik, 07 Nov 1996, Subject: Re: LIEBE NAZIS, 3281447e.3403207 @netnews.worldnet.att.net
Ironie am Rande: Die NS-Bücherverbrennungen schlossen auch die Schriften von Heinrich Heine ein. Ein weiteres Beispiel für den eigenwilligen Umgang der Holocaust-Leugner mit den Bücherverbrennungen des NS-Regimes lieferte Helmut F:
Verharmlosung
Die am 10. Mai 1933 am Schlossplatz in Berlin von Studenten in Eigeninitiative durchgeführte Verbrennung von undeutscher „Schmutz- und Schundliteratur“ war eine einmalige, nicht von der Partei oder dem Staat angeordnete Aktion.
Helmut F., 01 Jun 1996, de.soc.politik, Subject: Bücherverbrennung in Berlin 1933, Message-ID: 6A0M0MVaQKB @point007.burn.rhein-ruhr.de
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Bücherverbrennungen durchaus organisiert waren. Sie wurden von der NS-Führung gebilligt und unterstützt und fanden an zahlreichen Orten im Reichsgebiet statt. Die zentrale Veranstaltung, auf der Goebbels eine Ansprache hielt, wurde auf dem Berliner Opernplatz – nicht auf dem Schlossplatz – inszeniert.
Verbrannt wurden an diesem Tag die Werke jüdischer, sozialistischer, pazifistischer, liberaler und humanistisch gesinnter Autoren; unter ihnen befanden sich: Karl Marx, Erich Kästner, Sigmund Freud, Erich Maria Remarque, Alfred Kerr, Theodor Wolff, Kurt Tucholsky, Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und Carl von Ossietzky.
Stichwort 30. Januar 1933, S. 90
Unterstützung von oben
Richtig ist, dass die Bücherverbrennungen von Studenten organisiert wurden. Es waren allerdings nicht irgendwelche Studenten, die sich spontan zusammengefunden hatten. Verantwortlich war vielmehr die Deutsche Studentenschaft, die vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) beherrscht wurde. Die Mitglieder dieser Organisation waren gleichzeitig Angehörige der SA. Dies erklärt, warum auf Fotos von den Bücherverbrennungen so viele SA-Uniformen zu sehen sind.
Während der Verbrennung der Bücher spielten SA- und SS-Kapellen vaterländische Weisen und Marschlieder, bis neun Vertreter der Studentenschaft, denen die Werke nach einzelnen Gebieten zugeteilt waren, mit markanten Worten die Bücher des deutschen Ungeistes dem Feuer übergaben.
Neuköllner Tageblatt, 12. Mai 1933, zit. n. DGFE, Rundbrief 1/2003
Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, Opernplatz in Berlin, Bundesarchiv, CC BY 3.0
Es trifft wohl auch zu, dass es keinen expliziten Befehl gab, die Bücherverbrennungen durchzuführen. Das war allerdings auch nicht nötig, da die Deutsche Studentenschaft antirepublikanisch und antisemitisch eingestellt war und von den Nationalsozialisten kontrolliert wurde. Die Studenten hatten also ohnehin Welt- und Feindbilder, die sich mit denen der NS-Führung gedeckt haben.
So fanden die Studenten die wohlwollende Unterstützung des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels, der am 11. Mai 1933, einen Tag nach den Bücherverbrennungen, in sein Tagebuch schrieb:
Dann am späten Abend Rede Opernplatz. Vor dem Scheiterhaufen der von Studenten entbrannten Schmutz- und Schundbücher. Ich bin in bester Form.
Goebbels-Tagebücher, 11. Mai 1933
Goebbels' Ministerium genehmigte die Rundfunkübertragung der Bücherverbrennungen.
Fünf Jahre später brannten Synagogen, noch einmal vier Jahre später die Krematorien von Auschwitz.
Quellen
- Tagebücher Joseph Goebbels
- Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Rundbrief 1/2003
- Peter Longerich, Machtergreifung
Siehe auch
- LWL, ausführlicher Beitrag zu den Bücherverbrennungen mit zahlreichen vertiefenden Links
- Bundeszentrale für politische Bildung: „Tag des Buches“ – Erinnerung an die NS-Bücherverbrennungen vor 85 Jahren
- Bayern 2, Die Bücherverbrennung
- The Black List – Die schwarze Liste der zu verbrennenden Bücher
- Dr. Birgit Ebbert, Bücherverbrennung 1933