Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Richard Coudenhove-Kalergi

Futter für Verschwörungsgläubige

BEHAUPTUNG:

Hat Richard Coudenhove-Kalergi einen Plan entwickelt, der auf „Umvolkung“ und die Auslöschung der einheimischen europäischen Bevölkerung hinausläuft?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das trifft nicht zu. In seinen Schriften findet man keinen Plan, der auf die „Vernichtung der weißen Rasse“ hinausläuft, wie manche Verschwörungsgläubige behaupten.

Richard-Nikolaus Coudenhove-Kalergi war der Gründer der Paneuropa-Bewegung und der Autor mehrerer Bücher. Verschwörungserzähler benutzen manipulierte Zitate, die beweisen sollen, dass Coudenhove-Kalergi angeblich einerseits die Vorherrschaft der Juden in Europa und andererseits die Entstehung einer „eurasisch-neogroiden Mischrasse“ propagiert habe.

Das Brustbild in schwarzweiß zeigt einen nach rechts blickenden Mann in Schlips und Anzug.

Richard Coudenhove-Kalergi, 1926

Dies sei der sogenannte „Kalergi-Plan“, der manchmal auch mit Begriffen wie „Umvolkung“ und „Völkermord“ verknüpft wird: Die Deutschen oder die Europäer seien das Ziel übler (und natürlich jüdischer) Machenschaften und sollten angeblich vernichtet werden.

Was auch immer man gegen Coudenhove-Kalergi und die heute noch existierende „Paneuropa-Union“ an kritischen Anmerkungen vorzubringen hat, die oben skizzierte Verschwörungsfantasie beruht auf Unterstellungen und falschen Zitaten.

Dies ist eine der Versionen, die in antisemitischen Kreisen kursieren:

Wir erstreben ein orientalisches Europa mit einer eurasisch-negroiden Mischrasse der Zukunft. Diese zukünftige Mischrasse wird äußerlich der altägyptischen Rasse ähnlich sein. Führer werden die Juden sein als neuer Adel von Geistes Gnaden.

Diese „Zitate“ sind so gut wie nie mit überprüfbaren Angaben versehen, und allein schon die Tatsache, dass von dieser angeblich wörtlich wiedergegebenen Äußerung verschiedene Versionen existieren, sollte misstrauisch stimmen. Eine andere Version klingt so:

Fuer Deutschland wuensche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse unter Fuehrung der Juden.

Es ist allerdings kein Wunder, dass diese „Zitate“ meist ohne Quellenangabe verbreitet werden. Sie sind schlicht und ergreifend gefälscht. Manchmal beruht die Fälschung auf Auslassungen, die sich über viele Seiten erstrecken, manchmal werden Wörter hinzugedichtet oder weggelassen. Hier ist eine dritte Version dieses angeblichen Zitats:

Der kommende Mensch der Zukunft wird ein Mischling sein. Fuer Paneuropa wuensche ich mir eine eurasisch-negroide Zukunftsrasse, um die Vielfalt der Persoenlichkeiten herbeizufuehren. Die Fuehrer sollen die Juden stellen, denn eine guetige Vorsehung hat Europa mit den Juden eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt.

Diese Aussage, die angeblich von Coudenhove-Kalergi stammt, ist eine recht eigenwillige Collage von Textstellen aus dessen Buch Praktischer Idealismus. Die drei Abschnitte sehen folgendermaßen aus:

In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen (…)

Praktischer Idealismus, S. 20f

Die eurasisch-negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen.

Praktischer Idealismus, S. 23

So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Judenemanzipation eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt.

Praktischer Idealismus, S. 50

Wie man sieht, haben sich die Rechtsextremisten das „Zitat“, ohne die Auslassungen zu kennzeichnen, über 30 Seiten hinweg zusammengestückelt und dann auch noch frisiert, bis es passte. Manchmal kommt auf den Einwand, dass dieses Zitat in dieser Form in diesem Buch nicht zu finden sei, die Antwort, man solle doch in einem anderen Buch nachschauen. Auch das verlief allerdings ergebnislos.

Die Website mythdetector.com zeigt, dass die Versuche, aus Coudenhove-Kalergis Schriften einen solchen Plan herauszulesen, häufig antisemitisch motiviert sind und aus der rechtsextremen Ecke kommen. Die Autorin übernimmt, vermutlich aus sprachökonomischen Gründen, Kalergis Rassebegriff, dem wir heute mit größtem Misstrauen begegnen würden, und schreibt:

Nach Martyn Bond, dem Biografen von Richard von Coudenhove-Kalergi, beschrieb Kalergi in seiner Arbeit über die Vermischung der Rassen einen gegenwärtigen Prozess objektiv und meinte, dass sich dieser Prozess in Zukunft fortsetzen werde, wenn die verschiedenen Faktoren der Globalisierung an Stärke gewinnen. Bond sagte, dies sei eine Schilderung von Ereignisse und nicht etwa eine Anweisung, und zu behaupten, dass es Kalergis Ziel sei, die weiße Rasse durch Rassenvermischung verschwinden zu lassen, ist eine krasse Fehlinterpretation seiner Texte. Kalergis Schriften zeigen, dass er Europa stärken wollte und glaubte, nur ein geeintes Europa könne mit den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion konkurrieren. [meine Übersetzung / JL]

Tinatin Tvauri, „The Kalergi Plan“ – A Conspiracy Theory On The Plan About The Elimination Of The White Race

Man muss dazu auch anmerken, dass der Begriff „race“ im amerikanischen Englisch häufig sehr viel ungenauer und unbefangener benutzt wird als in Europa; wir denken sofort an den Rassismus des NS-Systems und an objektiv nicht existierende Menschenrassen, während im Englischen mit „race“ häufig einfach nur eine irgendwie identifizierbare Menschengruppe gemeint ist.

Eine weitere Fälschung betrifft die Konfession des Autors. Er wird mitunter beschrieben als „Mitglied des B’nai B’rith und Hochgradfreimaurer“. Coudenhove-Kalergi war zwar Mitglied einer Freimaurerloge, doch dem Orden B'nai B'rith kann er nicht angehört haben, weil diese Organisation nur jüdische Mitglieder aufnimmt. Die Coudenhove-Kalergis sind ein altes katholisches Adelsgeschlecht.

Das jüdische Forum für Demokratie und Antisemitismus weist im Beitrag Der Kalergi-Plan und seine verschwörungsideologische Bedeutung darauf hin, dass diese Verschwörungsidee auf den österreichischen Neonazi Gerd Honsik zurückgehen könnte. Möglicherweise hat Honsik mit seinem gleichnamigen Buch Halt dem Kalergi-Plan (2005) einen eingängigen Begriff geprägt; die zugrundeliegenden Ideen lassen sich allerdings mindestens bis 1996 ins Usenet zurückverfolgen.

Tinatin Tvauri erklärt in ihrem oben zitierten Beitrag, der angebliche Kalergi-Plan mit seiner „eurasisch-negroiden Mischrasse“ lasse sich sogar bis ins Jahr 1940 zurückverfolgen; somit gehe diese Verschwörungsidee wohl letztlich auf Goebbels' Propagandaapparat zurück.

Nachweisbar ist auf jeden Fall, dass Hitler und sein Gefolge bereits 1928 Coudenhove-Kalergi und seine Paneuropa-Bewegung als Feindbild entdeckt hatten, denn am 5. und 17. Juli 1928 erschienen im Völkischen Beobachter Angriffe auf die Person und die Organisation.

Ein letztes Wort zu Coudenhove-Kalergi selbst

Einerseits dachte Coudenhove-Kalergi fortschrittlich und setzte sich für ein geeintes Europa ein, andererseits enthalten seine Schriften Passagen zu „Rasse“ und „Mischung der Menschheit“, die aus heutiger Sicht biologistisch und problematisch sind. Doch egal, was man von dem Mann und seinen Schriften hält, wenn man ihn kritisieren will, sollte man ihn wenigstens richtig zitieren.

Coudenhove-Kalergi hat ganz sicher keinen Plan entworfen, der auf irgendeine Weise umgesetzt würde. Nirgends lässt sich nachweisen, dass er bestimmte Maßnahmen empfahl, die dazu dienen sollten, seinen „Plan“ zu verwirklichen.

Er hat seine Gedanken, seine Vorstellung und vielleicht auch seine Wünsche formuliert. Das kann man begrüßen oder ablehnen, aber im Grunde hat er nichts weiter getan, als sein Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch zu nehmen.

Service-Information für alle, die heute ihre eigene Meinungsfreiheit bedroht sehen: Meinungsfreiheit gilt auch umgekehrt und für Leute, die man nicht mag.

Quellen und Verweise