Die „Verschwörung“ der Freimaurer
Der Feind steht einfach überall.
Gibt es eine Verschwörung der Freimaurer und einen Zusammenhang zum Judentum?
Das trifft nicht zu. Freimaurergruppen sind ganz normale, beim Amtsgericht registrierte Vereine, und viele Prominente, bei denen man nie an Verschwörung denken würde, waren Freimaurer.
Unvermeidlicher Bestandteil des antisemitischen Weltbildes ist der Glaube an die Existenz einer „jüdisch-freimaurerisch-bolschewistischen“ Verschwörung, die nichts anderes im Sinn hätte, als Deutschland Schaden zuzufügen.
Angeblich beherrschen geheime Freimaurer-Logen die Welt.
Fragt man aber nach Einzelheiten, zum Beispiel nach den Namen der angeblichen Verschwörer oder nach ihren Taten, dann fallen die Antworten eher dürftig aus. Mitunter wird als Beweis dafür, dass die Verschwörung existiert, sogar die Tatsache benannt, dass man nichts nachweisen könne: Die Verschwörer hätten die Beweismittel verschwinden lassen, was die Existenz der Verschwörung hinreichend belege.
Johannes Rothkranz
Der Verschwörungsartist Johannes Rothkranz war in dieser Hinsicht außerordentlich kreativ. Eine fünfbändige Buchreihe mit dem Titel Superlogen regieren die Welt erklärt uns alles, was Rothkranz sich ausgedacht hat. Außerdem hat er angeblich sogar geheime Signale der Freimaurer entschlüsselt und auch darüber ein Buch verfasst. Es heißt Freimaurersignale in der Presse: Wie man sie erkennt und was sie bedeuten. Dieses Werk „beweist“ mit unzähligen Abbildungen, wie Freimaurer angeblich in aller Öffentlichkeit höchst geheim kommunizieren.
Auch bei den Bildunterschriften ist Rothkranz sehr gewissenhaft vorgegangen. Er weist stets auf die jüdische Konfession der abgebildeten Personen hin. Bei der Queen – immerhin das Oberhaupt der anglikanischen Kirche – und allen anderen nichtjüdischen Menschen ist Rothkranz dann nicht mehr ganz so gewissenhaft und verzichtet auf die Nennung der Religion.
Die Brille zurechtrücken ist verdächtig.
Nach Rothkranz ist es sogar schon ein geheimes Freimaurer-Signal, wenn man zur Brille greift (Rothkranz, Freimaurersignale, Punkt 11). Diese Gesten dienten angeblich dazu, „Anweisungen oder Nachrichten der Satanssynagoge“ zu übermitteln. Auch hier benutzt Rothkranz wieder eine sehr deutliche antisemitische Formulierung [vgl. Antisemitismus]. Was diese Signale konkret bedeuten, erklärt er nicht.
Was Rothkranz schreibt, ist absurd. Entweder, es gibt eine höchst geheime Verschwörung einer eingeweihten Elite. In diesem Fall braucht man keine öffentliche Kommunikation – denn wenn es diese geheime Elite gibt, dann kennt man sich und kann anrufen.
Oder es gibt eine sehr viel größere Verschwörung, die auf öffentliche Signale setzen muss, damit die Massen entsprechend instruiert werden. In diesem Fall wäre Rothkranz einer weltweiten Geheimorganisation auf die Schliche gekommen, der außer ihm selbst praktisch die gesamte Menschheit angehört. Oder mindestens alle, die ab und zu ihre Brille zurechtrücken.
Nationalsozialismus
Auch das NS-Regime stellte in seiner Propaganda immer wieder eine Verbindung zwischen dem Judentum und einer angeblichen Verschwörung der Freimaurer her. 1935 wurde die Freimauererei in Deutschland verboten, die Logenhäuser wurden geschlossen.
Die Agitation gegen die Freimauer ging mit der Veröffentlichung von Karikaturen wie jener einher, die oben zu sehen ist. In der Zeitschrift Der Stürmer, dem bekanntesten Propagandamedium des NS-Regimes richtete sich die Propaganda hauptsächlich gegen Juden, und die Freimaurerei wurde eher nebenbei als bösartiges Produkt und gefährliche Erfindung des Judentums dargestellt.
Einige Tatsachen zur Freimaurerei
Sehen wir uns die finsteren Machenschaften der Freimaurer an.
Am Anfang unserer kleinen Untersuchung steht die überraschende Feststellung, dass die deutschen Freimaurer keineswegs einer Geheimorganisation angehören, wie mitunter behauptet wird. Die örtlichen Logen sind eingetragene Vereine, die Namen der jeweiligen Vorsitzenden können beim Amtsgericht erfragt werden. Die meisten Logenhäuser haben sogar Telefon und stehen im Telefonbuch.
In Bayreuth gibt es ein Freimaurermuseum, und eine Dachorganisation der deutschen Logen steht unter Vereinigte Grosslogen von Deutschland im Berliner Telefonbuch und unterhält eine eigene Website.
Update 2026: Auf der Website der Großlogen liest man inzwischen sogar: „Fast alle der rund 500 Logen in Deutschland sind mit einer Website im Internet vertreten.“
Eine weitere Dachorganisation, die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, ist ebenfalls mit einer umfangreichen Website samt Postanschrift und Telefonnummer im Internet vertreten. Die Behauptung, es handele sich hier um eine konspirative Organisation, lässt sich vor diesem Hintergrund nicht halten.
Aber wie sind die Freimaurer nun zu beurteilen? Wenn wir das wissen wollen, könnte es sinnvoll sein, die Stellungnahmen von Menschen heranzuziehen, die dieser Organisation kritisch gegenüberstehen. So ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Kirche und Freimaurerei aus verschiedenen Gründen seit jeher recht schwierig. Fragen wir also die Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz.
Die Deutsche Bischofskonferenz kam 1980 zu folgendem Schluss:
Die gleichzeitige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zur Freimaurerei ist unvereinbar.
Holtorf, Die Logen der Freimaurer, S. 171
Das klingt ganz so, als seien die Vertreter der katholischen Kirche nicht unbedingt große Freunde der Freimaurerei. Wir dürfen von ihnen also eher kritische und distanzierende Bewertungen erwarten.
Die nun folgenden Zitate stammen aus einer Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zu der Frage, wie die Kirche zu den Freimaurern steht. Ich habe vor allem solche Aussagen ausgewählt, die das Wesen der Freimaurerei (wie sie von der katholischen Kirche gesehen wird) möglichst allgemein beschreiben.
Die Weltanschauung der Freimaurer ist nicht verbindlich festgelegt. Es überwiegt die humanitäre und ethische Tendenz.
Das als objektive Quelle anerkannte Internationale Freimaurerlexikon erklärt (…) „Die Freimaurerei dürfte das einzige Gebilde sein, dem es auf die Dauer gelungen ist, Ideologie und Praxis weitgehend von Dogmen freizuhalten.“
Vom Freimaurer wird daher verlangt, ein freier Mann zu sein, der „keine Unterwerfung unter Dogma und Leidenschaft kennt“.
Jeder kann hier seine Gottesvorstellung einbringen, der Christ wie der Moslem, der Konfuzianer wie der Animist oder der Angehörige irgendeiner Religion.
Aus diesem Wahrheitsbegriff leitet sich die spezifische Toleranzidee der Freimaurerei ab (…) Bei den Freimaurern jedoch herrscht die Toleranz gegenüber Ideen, wie gegensätzlich zueinander sie auch sein mögen.
Im Meisterritus heißt es: „Welche Tugenden muß ein wahrer Meister besitzen? Reinheit des Herzens, Wahrheit in Worten, Vorsicht in Handlungen, Unerschrockenheit bei unvermeidlichen Übeln und unermüdlichen Eifer, wenn es gilt, Gutes zu tun.“
zit. n. Holtorf, S. 171f
Dies waren, wie gesagt, nicht etwa die Meinungsäußerungen von Menschen, die ein Interesse daran hätten, die Freimaurer in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen, sondern Aussagen aus einer offiziellen Stellungnahme der katholischen Bischofskonferenz zur Freimaurerei.
Zur Ergänzung noch einige Anmerkungen von Pater Dr. Alois Kehl zur Erklärung der Bischofskonferenz. Pater Kehl hält die Gegensätze nicht für unüberbrückbar und steht der Freimaurerei aufgeschlossener gegenüber als manche seiner Glaubensbrüder:
Die Freimaurerei ist nicht wie die Kirche von oben nach unten, also hierarchisch, sondern von unten nach oben, also demokratisch organisiert.
Dabei wird in den einzelnen Graden nicht ein Geheimwissen vermittelt, das man etwa anderswoher nicht gewinnen könnte, vielmehr sind diese einzelnen Grade, wie hoch man auch aufsteigen mag, Stufen eines psychologisch wohldurchdachten Weges der Selbsterziehung (…)
Besonders katholische Beobachter wünschen sich gern ein freimaurerisches „Lehramt“, damit man das ureigen Freimaurerische besser fassen könne.
Das ist ein Mißverständnis. Das ureigen Freimaurerische ist eben diese Offenheit.
Denn wenn man mit einem Freimaurer spricht, wird man dessen persönliche Auffassung zu hören bekommen, die er wohl auch als Nichtfreimaurer vertreten würde und die mit den Auffassungen anderer Freimaurer möglicherweise nicht übereinstimmt. Darin liegt begründet, daß man – je nachdem, welches Ergebnis man im Auge hat – auch die entsprechenden „Beweise“ in freimaurerischen Äußerungen findet.
Es wird vielmehr ein Freiraum geschaffen, in dem jeder einzelne seine Überzeugung leben kann, ohne deshalb von einem andern, der vielleicht anderer Überzeugung ist, diskriminiert zu werden.
zit. n. Holtorf, S. 179f
Wie man sieht, erkennen sogar die Kritiker der Freimaurerei an, dass sich die Freimaurer humanistischen Ideen verpflichtet fühlen. Eine Verschwörung mit dem Ziel, irgendein Land zu vernichten, passt nicht zu dieser Philosophie.
Antisemiten, die unter Hinweis auf die bereits erwähnte vermeintliche Verschwörung versuchen, die eigenen Vorurteile zu rechtfertigen, stellen häufig eine Verbindung zu jüdischen Geheimorganisationen her, die angeblich in der Freimaurerei eine wichtige Rolle spielen.
Hören wir, was der Freimaurer Jürgen Holtorf zu diesem Punkt zu sagen hat. Unter der Überschrift „Andere Logen: Freimaurerähnliche Organisationen und Bruderschaften“ schreibt er in seinem Buch Die Logen der Freimaurer auf Seite 155:
B'nai Brith ("Unabhängiger Orden B'nai Brith")
Ein 1843 in New York gegründeter Orden, der nur Männer jüdischen Glaubens aufnimmt
(…)
Der Orden hat keinerlei Zusammenhang mit der Freimaurerei.
(…)
Nach dem Zweiten Weltkrieg (…) Neugründungen in West-Berlin und Frankfurt am Main; der Initiator dieser Wiedergutmachung war Theodor Heuss. Die karitativen Leistungen des Ordens sind vorbildlich.
zit. n. Holtorf, S. 155
B'nai Brith ist keineswegs eine jüdisch-freimaurerische „Superloge“, wie Antisemiten mitunter behaupten, sondern eine jüdische karitative Organisation. Auf der Website von B'nai Brith kann man sich selbst ein Bild machen. Da sich die Organisation auch gegen Antisemitismus einsetzt, ist sie ein beliebtes Ziel für antisemitische Attacken.
Eine Facette der rechtsextremistischen Argumentationsweise besteht darin, Gegner als Juden oder gelegentlich auch als Freimaurer zu bezeichnen, was als hinreichender Beweis für die unterstellte feindselige Haltung gegenüber Deutschland gelten soll. Verblüffung stellt sich freilich ein, wenn diese Leute sehen, welche Personen der Freimaurerei angehört haben und demnach zu den Verschwörern gerechnet werden müssten:
Aldrin, Edwin – der zweite Mann auf dem Mond
Atatürk, Kemal – Vater der modernen Türkei
Bechstein, Ludwig – dt. Dichter
Berlin, Irving – Komponist
Blücher, Gebhard L. von – Feldmarschall
Börne, Ludwig – Schriftsteller
Bolivar, Simon – Freiheitskämpfer
Brehm, Alfred – Naturforscher
Chamisso, Adelbert von – dt. Dichter
Churchill, Winston – engl. Politiker
Claudius, Matthias – dt. Dichter
Dehler, Thomas – dt. Politiker
Doyle, Sir Arthur Conan – Schriftsteller, Erfinder von Sherlock Holmes
Fichte, Johann Gottlieb – dt. Dichter
Fleming, Sir Alexander – fand das Penicillin
Ford, Henry – der Autobauer und bekennender Antisemit
Franklin, Benjamin – amerik. Politiker
Gneisenau, August Graf von – preuß. Generalfeldmarschall
Goethe J. W. von – dt. Dichter
Hahnemann, Samuel C. – Homöopathie
Haydn, Joseph – Komponist
Herder, J. G. – dt. Dichter
Kipling, Rudyard – Schriftsteller, (Dschungelbuch)
Lessing, G. E. – dt. Dichter
Liszt, Franz – Komponist und Pianist
Lortzing, Albert – Komponist
Luckner, Graf von – Seeoffizier
Mozart, W. A. – Komponist
Scharnhorst G. D. von – preuß. Militär
Simmel, J. M. – Bestseller-Autor
Tucholsky, Kurt – Autor, Satiriker
Washington, George – der erste Präsident der USA
Besonders amüsant ist die Tatsache, dass „Revisionisten“ immer wieder lobend auf die viel liberalere Verfassung der USA hinweisen. Dort werde den Bürgern eine praktisch unbegrenzte Redefreiheit gewährt, während in Deutschland das Leugnen der nationalsozialistischen Massenmorde bestraft werden könne.
Die Auschwitzleugner, die sich in dieser Weise beklagen, vergessen regelmäßig, dass die amerikanische Verfassung, die den Bürgern diese Freiheitsrechte garantiert, von Freimaurern mitgestaltet worden ist und eine gewisse Nähe zu den oben zitierten Idealen der Freimaurer aufweist.
Quellen und Verweise
- Jürgen Holtorf, Die Logen der Freimaurer
- Planet Wissen: Inka Reichert, Freimaurer