Antony Sutton Der Warburg-Bericht: nichts Genaues weiß man nicht
Ein Verschwörungserzähler liefert. Irgendetwas.
Sutton bespricht im 10. Kapitel seines Buchs Wall Street And The Rise Of Hitler den „Mythos Sidney Warburg“. Der sogenannte Warburg-Bericht ist eine Fälschung. Warum hält Sutton ihn trotzdem für echt?
Zuerst einmal hat Warburgs Behauptung, das Buch sei eine Fälschung, einen eigenartigen und entscheidenden Haken. Die Warburgs bezeichnen ein Buch als Fälschung, das sie zugegebenermaßen nicht gelesen und noch nicht einmal gesehen haben. Das Dementi der Warburgs beschränkt sich ausdrücklich darauf, dass es kein Warburg geschrieben habe. Dieses Dementi ist akzeptabel; es verleugnet oder verwirft aber nicht die Gültigkeit des Inhalts. Das Dementi richtet sich nur gegen die Autorenschaft.
Antony Sutton, Wall Street And The Rise Of Hitler, Online-Version ohne Seitenzahlen [eigene Übersetzungen / JL]
Das trifft nicht zu. James P. Warburg wurde über einen niederländischen Gewährsmann mindestens in groben Zügen über den Inhalt und ganz sicher auch darüber informiert, dass dort ein vermeintlicher Verwandter, nämlich der nicht existierende Sidney Warburg, als Mittler zwischen Hitler und angeblichen amerikanischen Finanziers genannt wurde. Zweitens war ihm zwar nicht das Original, aber offenbar Sondereggers Aufguss bekannt, wie aus seiner förmlichen Erklärung hervorgeht.
Warburgs Dementi richtete sich nicht nur gegen die Urheberschaft am Text, sondern mindestens auch insoweit gegen den Inhalt, als kein Warburg an der Sache irgendwie beteiligt war. Damit fällt aber auch der Hauptakteur weg, der den Geldtransfer von ausländischen Finanziers an Hitler vermittelt und anschließend eine Beichte verfasst haben soll.
Außerdem hat Schoup, der den Text beim holländischen Verlag eingereicht hat, schließlich zugegeben, er habe sein (angeblich vorhandenes) eigenes Wissen unter dem Deckmantel einer Übersetzung angeboten. Wie man bei Hermann Lutz erfährt, war Schoup allerdings ein Betrüger:
Dem Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam, verdankt der Verfasser folgende Feststellungen: Im Juni 1932 stand J. G. Schoup in Rotterdam wegen Geldbetrugs und unrechtmäßiger Führung des Doktortitels vor Gericht; er bekannte sich schuldig. In den Akten des British Intelligence Service war über ihn vermerkt: „Versucht sich dadurch interessant zu machen, daß er allerhand Lügen auftischt (…)“
Lutz, Fälschungen zur Auslandsfinanzierung Hitlers, S. 388
Sutton hätte diese Faktoren berücksichtigen und überzeugend begründen müssen, warum er darauf besteht, dem überführten Betrüger zu glauben und dessen Text für echt zu halten.
In diesem Zusammenhang hätte Sutton weiterhin den angeblichen Briefwechsel zwischen Schoup und dem nicht existierenden „Sidney Warburg“ in New York diskutieren müssen. Auch die Fälschung des Briefwechsels durch Schoup ist unstrittig, und dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass der „Warburg-Bericht“ selbst ebenfalls eine Fälschung des Betrügers war.
Sutton erwähnt Schoup (er schreibt ihn „Shoup“) lediglich als Übersetzer und Co-Autor. Er verliert kein Wort über Schoups kriminelle Vergangenheit, sondern verlegt sich darauf, ausführlich und mit fragwürdigen Mitteln James P. Warburgs Glaubwürdigkeit zu erschüttern, nur um anschließend dann doch einzuräumen, der Autor sei unbekannt, und der Text habe möglicherweise gar nichts mit den Warburgs zu tun.
Weiterhin konstruiert Sutton einen Gegensatz zwischen dem angeblich unglaubwürdigen James P. Warburg und Sondereggers antisemitischer Version einerseits und Schoups Version von 1933 andererseits, die er als unterdrücktes „Original“ bezeichnet. Die Frage, woher das „Original“ stammt, interessiert ihn offenbar nicht, oder er ist über entscheidende Details – wie etwa Schoups Eingeständnis, den gesamten Text selbst verfasst zu haben – einfach nicht im Bilde.
Außerdem stellt Sutton einen Zusammenhang zwischen Hitler, der I. G. Farben und dem amerikanischen Zweig der Warburgs her. Die I. G. Farben hat Hitler tatsächlich unterstützt, und diese Zahlungen sind dokumentiert. Ein Vertreter des Konzerns hat am Treffen zwischen Hitler, Göring, Schacht und Abgesandten der deutschen Industrie am 20.02.1933 teilgenommen. Die versammelten Industriellen ließen der NSDAP etwa drei Millionen Reichsmark als Wahlkampfhilfe zukommen.
Sutton leistet seiner eigenen Argumentation einen Bärendienst, wenn er auf der angeblichen Verbindung zwischen Hitler, der I. G. Farben und dem amerikanischen Zweig der Warburg-Familie herumreitet; denn wenn er damit recht hat, ist zugleich der „Warburg-Bericht“ erledigt. Wozu noch konspirative Treffen mit einem eigens aus den USA angereisten „Sidney Warburg“, wenn man Hitler ganz zwanglos im Kreise Gleichgesinnter fördern konnte?
Doch Antony Sutton ist ein Verschwörungsfantast und muss liefern. Also versucht er auf Biegen und Brechen, die Echtheit des Warburg-Berichts zu beweisen und James P. Warburgs Dementis zu entkräften:
Einerseits behauptet Warburg, er habe noch nie ein Exemplar von „Sidney Warburgs“ Buch gesehen, andererseits bezeichnet er es als „verleumderisch“ und legt eine detaillierte eidesstattliche Erklärung vor, um Satz für Satz die Informationen eines Buchs zu widerlegen, das er angeblich nie gesehen hat! Es ist schwer, Warburgs Behauptung zu glauben, er habe „bis auf den heutigen Tag kein Exemplar des Buchs gesehen“. Falls er es aber wirklich nicht gesehen hat, ist die eidesstattliche Erklärung wertlos.
Antony Sutton, Wall Street And The Rise Of Hitler
Entweder, Warburg ist unglaubwürdig, weil er lügt, oder er ist unglaubwürdig, weil er den fraglichen Text gar nicht kennt. Das ist höchst praktisch, und nachdem wir Warburg als unehrlich oder ahnungslos dargestellt haben, dürfen wir einfach mal annehmen, das „Original“ des Betrügers Schoup enthalte die Wahrheit – so ähnlich denkt Sutton sich das vermutlich.
Der bereits erwähnte Gewährsmann in Amsterdam, der Warburg informiert hat, war Anwalt und Teilhaber der Firma Warburg & Co in Amsterdam. Im Grunde hätte Sutton nun erklären müssen, warum der betreffende Herr so nachlässig war, seinen Kollegen James P. Warburg lediglich über die bloße Existenz der Fälschungen, aber nicht über deren Inhalt zu informieren.
Dieses Problem hat Sutton durchaus „revisionistisch“ gelöst: Der Gewährsmann kommt bei ihm vorsichtshalber gar nicht erst vor.
Leider konzentriert James P. Warburg sich auf Sondereggers 1947 erschienenes antisemitisches Buch Spanischer Sommer, nicht auf das originale, unterdrückte Buch von „Sidney Warburg“, das 1933 herauskam – und dort sind lediglich Hitlers angebliche Äußerungen antisemitisch.
Antony Sutton, Wall Street And The Rise Of Hitler
Suttons Wortwahl ist beachtlich: Die Erfindungen des Betrügers Schoup sind das „originale, unterdrückte Buch“, während James Warburgs Dementi fragwürdig sei, da es sich gegen das falsche Buch richtet.
Tatsächlich bezieht James P. Warburg sich nicht nur auf Sondereggers Version, sondern ausdrücklich auch auf das „Original“ – besser die Originalfälschung – von J. G. Schoup. Sutton müsste nur bei sich selbst nachlesen, was er aus James P. Warburgs eidesstattlicher Erklärung zitiert:
2. Eine Person namens „Sidney Warburg“ hat meines Wissens weder 1933 noch zu irgendeiner anderen Zeit in New York City oder sonst irgendwo existiert.
3. Ich habe nie ein Manuskript, ein Tagebuch, Notizen, Telegramme oder andere Dokumente an irgendjemanden übergeben, der sie ins Holländische übersetzen sollte, und besonders habe ich solche Dokumente nie an einen gewissen J. G. Schoup aus Antwerpen gegeben. Meines Wissens und meiner Erinnerung nach bin ich einem Menschen dieses Namens nie begegnet.
Antony Sutton, Wall Street And The Rise Of Hitler
Eigentlich sollten diese klaren Worte völlig ausreichen, um den „Warburg-Bericht“ als Fälschung zu entlarven. Antony Sutton wäre allerdings kein echter Verschwörungserzähler, wenn er nicht auch dort „Beweise“ finden würde, wo es keine gibt.
Quellen und Verweise
- Der Warburg-Bericht (Übersicht)
- Der Fälscher Schoup: Der Warburg-Bericht (ausführliche Darstellung)
- Das Fälscherduo Walter Nelz und Ekkehard Franke-Gricksch: So wurde Hitler finanziert
- Der Verschwörungsfantast Antony Sutton in Wall Street And The Rise Of Hitler: „The Myth of Sidney Warburg“
- James P. Warburg: Förmliche Erklärung zu den Veröffentlichungen
- James P. Warburg: Affidavit