Theodor Herzl Zionistenkongress 1897: ein gefälschtes Zitat
Hat Theodor Herzl 1897 erklärt, Zionisten hätten die Presse der ganzen Welt in der Hand?
Dieses angebliche Zitat von Theodor Herzl ist eine Fälschung, es kommt nicht einmal annähernd oder indirekt in der Rede von 1897 vor. Der Originaltext der Rede liegt vor und kann überprüft werden.
Vom 29. bis 31. August 1897 fand in Basel der erste Zionistenkongress statt. Theodor Herzl hielt dort die Eröffnungsrede, in der er seiner Hoffnung Ausdruck gab, eines Tages eine Heimstatt für die Juden der ganzen Welt begründen zu können.
Theodor Herzl (1860–1904). Mit seiner Grundsatzrede auf dem 1. Zionistenkongress 1897 in Basel legte er das Fundament für den modernen Zionismus.
In antisemitischen Publikationen kursiert ein angebliches Zitat aus dieser Rede, das die Machtansprüche des Judentums beweisen soll. Es gibt für das Zitat mehrere Fundstellen in einschlägigen Veröffentlichungen, allerdings keine seriöse Quelle. Meistens wird es in der folgenden Form wiedergegeben:
Sobald ein nichtjüdischer Staat es wagt, uns Juden Widerstand zu leisten, müssen wir in der Lage sein, sein [sic!] Nachbarn zum Kriege gegen ihn zu veranlassen. […] Als Mittel dazu werden wir die öffentliche Meinung vorschützen. Diese werden wir vorher durch die sogenannte 'achte Großmacht', die Presse in unserem Sinne bearbeiten. Mit ganz wenigen Ausnahmen, die überhaupt nicht in Frage kommen, liegt die ganze Presse der Welt in unseren Händen.
Gefälschtes Zitat von Theodor Herzl, diverse antisemitische Publikationen
Eine Version des „Zitats“, die dieser hier recht genau entspricht, erschien 1922 in dem Buch Die Geheimnisse der Weisen von Zion von Gottfried zur Beek (S. 44f) in siebter Auflage. Der Text beruhte auf einer russischen Vorlage von Sergei Alexandrowitsch Nilus, die erste Auflage erschien 1919 und war die erste deutschsprachige Veröffentlichung der Protokolle.
Der Name des Autors ist ein Pseudonym, es handelt sich in Wahrheit um Ludwig Müller von Hausen (1851-1926, eigentlich Louis Eduard Julius Müller), der sich als antisemitischer Autor, Verleger und Agitator hervorgetan hat; er gründete beispielsweise 1912 den antisemitischen „Verband gegen die Überhebung des Judentums“, dem unter anderem die NS-Funktionäre Martin Bormann und Alfred Rosenberg angehörten.
Später äußerte sich auch Hitler anerkennend über Müllers „erste Pionierarbeit“. In seinem Buch behauptet Müller ohne jeden Beleg (S. 9), unter dem Zeichen der Protokolle habe neben dem bekannten Zionistenkongress noch eine zweite geheime Veranstaltung stattgefunden.
Herzls Eröffnungsrede für den Kongress von 1897 liegt im Wortlaut vor; das angebliche Zitat ist dort nicht zu finden. Wie man sich leicht überzeugen kann, war die Rede ohnehin versöhnlich und nicht so kämpferisch, wie das gefälschte Zitat suggeriert. Theodor Herzl erklärte dort, der Zionismus gereiche nicht nur den Juden, sondern auch vielen anderen zum Vorteil, und vom Zionismus gehe keinerlei Gefahr für Dritte aus.
Überall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes.
Theodor Herzl 1897 in Basel
Überhebliche Töne wie in dem angeblichen Zitat findet man dort nicht. Auch die englische Übersetzung der Rede gibt nichts dergleichen her.
Auch in der englischen Ausgabe der Herzl-Rede von 1897 ist das Zitat, das Antisemiten verbreiten, nicht zu finden.
Einen weiteren Hinweis auf die Wendung „die sogenannte ‚achte Großmacht‘“, die Herzl nirgends benutzt hat, findet man in der Schriftenreihe Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte des Münchner Instituts für Zeitgeschichte:
Goebbels selbst schätzte den Rundfunk höher ein als die Presse. „Was die Presse für das 19. Jahrhundert war, das wird der Rundfunk für das 20. Jahrhundert sein“, sagte er anläßlich der Eröffnung der Funkausstellung in Berlin am 18. August 1933: „Man könnte, das Wort Napoleons variierend, den Rundfunk die achte Großmacht nennen.“
Napoleon, an den Goebbels sich anlehnt, bezeichnete die Presse als die „siebte Großmacht“. Die „achte Großmacht“ nach Goebbels (der Rundfunk) hat 1897, als Herzl in Basel sprach, in dieser Form allerdings noch nicht existiert.
Alle Fundstellen für die „achte Großmacht“, die ich entdecken kann, verweisen entweder auf antisemitische Websites mit dem gefälschten Herzl-Zitat oder auf die oben erwähnte Äußerung von Goebbels. Bei manchen Autoren wird das Zitat in abgewandelter Form nicht mit Herzl, sondern direkt mit den ebenfalls gefälschten Protokollen der Weisen von Zion in Verbindung gebracht. Wahrscheinlich hat Müller, auch wenn er nicht als Urheber genannt wird, mit seiner Veröffentlichung von 1919 die Grundlage geschaffen, auf der die späteren Äußerungen beruhen.
Anmerkung
- ↩ Hitler, Reden Schriften Anordnungen, Februar 1925 bis Januar 1933, KG Saur 1992, S. 342: „10 Jahre Kampf“, Artikel in: Illustrierter Beobachter vom 3.8.1929.
Quellen
- Wortlaut von Herzls Rede auf dem Zionistenkongress in Basel bei Hagalil
- Stadtgeschichte Basel, Erster Zionistenkongress
Siehe auch
- Übersicht: Zionismus
- Eine bedauerliche UN-Resolution: Zionismus sei jüdischer Rassismus