Das Massaker von Babyn Jar bei Kiew
Holocaust mit der MP: „ … fanden sich über 30 000 Juden ein“
Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte dafür, dass die Zahl von 33771 Opfern beim Massaker von Babyn Jar im September 1941 übertrieben oder gefälscht ist?
Nein, das trifft nicht zu. Die Zahl der Opfer stammt aus den internen Geheimberichten der Täter selbst (Ereignismeldung UdSSR Nr. 101). Die Realität des Massakers und die Größenordnung der Opferzahlen wurden nach dem Krieg durch Überlebende, Augenzeugen und Geständnisse der beteiligten SS-Männer vor deutschen Gerichten zweifelsfrei bestätigt.
Die Schlucht Babyn Jar bei Kiew, wo im September 1941 mehr als 33000 Juden erschossen wurden. Bildquelle: Hamburger Institut für Sozialwissenschaften
Ende September 1941 wurden die Juden, die sich in Kiew befanden, aufgefordert, sich an bestimmten Stellen zur „Umsiedlung“ zu melden. Die Mörder waren vom Erfolg dieses Aufrufs selbst überrascht:
Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von etwa 5000 bis 6000 Juden gerechnet hatte, fanden sich über 30000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor der Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten. Wenn auch bis jetzt auf diese Weise insgesamt etwa 75000 Juden liquidiert worden sind, so besteht doch schon heute Klarheit darüber, dass damit eine Lösung des Judenproblems nicht möglich sein wird.
Klaus-Michael Mallmann u.a. (Hrsg.), „Ereignismeldungen UdSSR“, Meldung 128; auch in: Vernichtungskrieg, S. 78
Die Einschätzung, dass „eine Lösung des Judenproblems“
(sprich: die Ermordung aller Juden) auf diese Weise nicht möglich sei, war vorausschauend; tatsächlich wurden in der nächsten Phase des Völkermords die großen Mordstätten wie Auschwitz, Treblinka und andere weiter ausgebaut bzw. eingerichtet.
Später hielten es die NS-Täter für angebracht, unter dem Decknamen „Sonderaktion 1005“ (auch: „Enterdungsaktion“) die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Der SS-Mann Paul Blobel, der Befehlshaber des Sonderkommandos 4A bei der Einsatzgruppe C, war für den Massenmord und später für die „Enterdungsaktion“ verantwortlich und legte ein Geständnis ab. Allerdings behauptete er, die Zahl der Opfer sei niedriger gewesen.
Paul Blobel, Täter und Spurenvernichter in Babyn Jar
Babyn Jar diente bis August 1943 als Mordstätte, dann mussten KZ-Häftlinge die Leichen exhumieren und verbrennen, um die Spuren der Massenmorde zu verwischen. Doch es blieben genügend Hinweise auf das Massaker zurück, die später von der vorrückenden Roten Armee gefunden wurden. Außerdem sind die Massenmorde durch Aussagen von Tätern, Zuschauern und einigen Überlebenden dokumentiert.
Andreij Angrick beschreibt die Mordaktion in Babyn Jar (russische Schreibweise Babi Jar) am 29. und 30. September 1941 folgendermaßen:
Man folgte dabei dem Rhythmus der Schützen, achtete also darauf, dass die Delinquenten so zeitgenau herangeführt wurden, dass ihre Mörder »optimal arbeiten konnten«. Es sollte weder »Stauungen« noch Pausen geben. Ideal war es nach Ansicht der leitenden SS-Offiziere offenbar, wenn die Tatdurchführung so mechanisch und monoton ablief, dass die Opfer dadurch zugleich entindividualisiert wurden. Unter anderem deswegen mussten diese sich so positionieren, dass sie eng beieinanderlagen und somit auch besser getroffen werden konnten. Auf diese Art, die zynisch als »Sardinenmethode« bezeichnet wurde, hatten die Männer des Sk 4a am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht von Babij Jar 33.771 Menschen erschossen.
Andrej Angrick, Aktion 1005, S. 42
Anscheinend war die „Sardinenmethode“ recht verbreitet, denn Generalmajor Walter Bruns berichtete über Erschießungen in der Nähe von Riga, die ganz ähnlich vor sich gegangen seien:
(…) mussen sich hinlegen wie die Sardinen in einer Büchse, Köpfe nach der Mitte. Oben sechs Maschinenpistolenschützen, die dann den Genickschuss beibrachten.
Sönke Neitzel, Abgehört, List, Berlin 2007, S. 304
Obwohl Tausende Kilometer entfernt eingesetzt, hatte Bruns offenbar auch einige Einzelheiten über die Morde in der Ukraine erfahren, denn er sagte:
Da hatten sie sie am Rand von den grossen Erdspalten totgeschossen oder reinfallen lassen […] Dieser Löss war so hart, dass zwei Pionierbataillone nachher die Ränder absprengen mussten.
Sönke Neitzel, Abgehört, Ullstein, Berlin 2007, S. 306
Dies passt recht gut zu dem, was wir aus anderen Quellen über die Vorgänge in Babyn Jar wissen. Eine Pioniereinheit zerstörte später die Ränder der Schlucht durch eine Sprengung, dann wurde das Massengrab planiert. Einer der Mörder sagte aus:
Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, mit insgesamt etwa 12 Schützen. Gleichzeitig sind diesen Erschießungstrupps von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mussten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen. Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet. Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinunterblicken konnten.
Benz, Legenden, Lügen, Vorurteile, S. 44
Außerdem, so berichtete Bruns weiter, habe er erfahren, dass es für die Morde einen Befehl von oben gegeben habe. Letztlich sollte aber die Art und Weise der Massenmorde verändert werden:
Als ich davon hörte, dass am Freitag die Juden erschossen werden sollten, ging ich zu dem 21jährigen Bürschchen und sagte, dass sie sich meinem Dienstbereich sehr nutzbar gemacht hatten […] Sagt er: „Ja, die müssen erschossen werden, ist Führer-Befehl!“ 8 km von Riga, zwischen Schaulen und Mitau sind ja auch die 5000 Berliner Juden – plötzlich aus dem Zug raus – erschossen worden. [S. 304]
[…]
hier ist eine Verfügung gekommen, dass derartige Massenerschiessungen in Zukunft nicht mehr stattfinden dürften. Das soll vorsichtiger gemacht werden. [S. 306]
Sönke Neitzel, Abgehört, Ullstein, Berlin 2007, S. 304, 306
Babyn Jar im Kontext der NS-Massenmorde
Dies fügt sich wiederum sehr gut in andere bekannte Tatsachen ein. Das Massaker in Kiew geschah Ende September 1941. Im Oktober 1941 erließ Himmler ein Auswanderungsverbot für Juden. Am 12. Dezember 1941, direkt nach der Kriegserklärung an die USA, kam Hitler im Kreis seiner Gauleiter auf seine Drohung zurück, im Falle eines Weltkriegs das Judentum vernichten zu wollen [vgl. Gerlach, Wannsee-Konferenz].
Nur wenige Tage nach diesem Treffen schrieb Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen: „Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen und wo es irgend möglich ist […]“
und bezog sich auf „eine große Besprechung in Berlin“
im Januar in Berlin unter Heydrichs Leitung [vgl. Hans Frank, Diensttagebuch, 16.12.1941]. Damit war die Wannsee-Konferenz am 20.01.1942 gemeint, auf der die Organisation der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ zwischen den beteiligten Stellen abgestimmt wurde. Nicht lange nach der Konferenz nahmen die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ ihren vollen Betrieb auf.
Manchmal sind es Details wie die „Sardinen“, manchmal sind es größere Zusammenhänge wie der gerade beschriebene, die etwas erzeugen, dass Historiker als „convergence of evidence“ bezeichnen – das Zusammenwirken verschiedener historischer Fakten, die insgesamt ein größeres, nicht mehr zu erschütterndes Bild ergeben.
Holocaustleugner wissen um diese Zusammenhänge und picken sich gerade deshalb immer wieder Einzelereignisse und winzige Details heraus, die sie „widerlegen“, um anschließend zu behaupten, sie hätten das große Gesamtbild zerstört.
Doch in Bezug auf Babyn Jar ist die Beweislage ebenso eindeutig wie im Fall der Gaskammern von Auschwitz.
Am 27.09.1941 setzte der Ortskommandant von Kiew eine Besprechung an. Zu den Teilnehmern gehörten neben Wehrmachtsoffizieren auch Pionieroffiziere, Angehörige des SD, der Polizei, der Geheimen Feldpolizei und der Einsatzgruppe C, die für die sogenannten „Exekutivmaßnahmen“ gegen die Zivilbevölkerung zuständig war. Nicht nur über die Vorgänge in Kiew, sondern auch über viele andere kleinere und größere Mordaktionen berichteten die Truppen in ihren sogenannten „Ereignismeldungen“:
B. Vollzugstätigkeit: Was die eigentliche Exekutive anbelangt, so sind von den Kommandos der Einsatzgruppe bisher etwa 80000 Personen liquidiert worden.
Klaus-Michael Mallmann u.a. (Hrsg.), Die „Ereignismeldungen UdSSR“ 1941, Meldung 128, 03.11.1941
Der Massenmord in Kiew war nur eines von vielen berichteten Ereignissen im Rahmen der umfassenden Mordaktionen der Einsatzgruppen. Der zitierte Bericht fährt kaltblütig fort:
Die grösste dieser Aktionen fand unmittelbar nach der Einnahme Kiews statt; es wurden hierzu ausschliesslich Juden mit ihrer gesamten Familie verwandt.
Klaus-Michael Mallmann u.a. (Hrsg.), „Ereignismeldungen UdSSR“, Meldung 128
Ein interessanter und leichter überlesener Aspekt dieser Meldung 128 ist der Bezug auf Generalfeldmarschall von Reichenau:
Der Befehlshaber des AOK 6, Generalfeldmarschall von Reichenau, hat auch wiederholt die Arbeit der Einsatzkommandos in anerkennender Weise gewürdigt und die Interessen des SD seinen Stäben gegenüber in entsprechender Weise vertreten.
Klaus-Michael Mallmann u.a. (Hrsg.), „Ereignismeldungen UdSSR“, Meldung 128
Von Reichenau verfasste den berüchtigten Reichenau-Befehl, in dem er verlangte, die Wehrmachtsangehörigen müssten „für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben“
. In Bezug auf die Juden beruhte die mörderische Sympathie hier offensichtlich auf Gegenseitigkeit.
Was sollte Reichenau gemeint haben, wenn nicht die parallel laufenden Mordaktionen an vielen verschiedenen Stellen, von denen er in seiner herausragenden Position allein schon aufgrund logistischer Zusammenhänge zweifellos gewusst haben muss? Auch hier sieht man wieder das erwähnte Zusammenwirken voneinander unabhängiger historischer Quellen, die auf dieselben Tatsachen hinweisen.
Die Schlucht Babyn Jar bei Kiew. Bildquelle: Hamburger Institut für Sozialwissenschaften
Holocaustleugner und Babyn Yar
In seinem Vorwort zu Carlo Mattognos Buch über die Einsatzgruppen fordert Germar Rudolf einerseits, man müsse auf jeden Fall quellenkritisch vorgehen (eBook, keine Seitenzahl), erklärt aber im gleichen Atemzug, Mattogno habe gute Gründe gehabt, nicht sämtliche Sekundärquellen zum Komplex der Einsatzgruppen zu berücksichtigen; es sei in einem vom Umfang her beschränkten Buch auch gar nicht möglich, alles zu berücksichtigen, und außerdem habe Mattogno sowieso nicht genug Zeit dazu gehabt.
Rudolf behauptet außerdem, diese Einschränkungen seien nur zum Wohl der Leser vorgenommen worden, die man nicht habe verärgern oder belästigen wollen. Man fragt sich, wie in aller Welt er auf die Idee kommt, man könne die Leser „revisionistischer“ Werke mit einer Vielzahl historischer Belege verärgern?
Wenn sich hier schon die Augenbrauen heben, dann machen sie sich bei Rudolfs abschließender Bemerkung schleunigst auf den Weg, ein Stück weiter oben eine ausgedehnte Haarlosigkeit zu verdecken:
Am Ende des Tages muss eine Studie wie diese vor allem auf Primärquellen beruhen und nicht auf den Ansichten anderer Wissenschaftler. [eigene Übersetzung]
Germar Rudolf, Vorwort, in: Mattogno, Einsatzgruppen
Germar Rudolf hat natürlich völlig recht damit, dass Historiker vor allem Primärquellen benutzen sollten. Allerdings: Die Autoren der „Sekundärliteratur“, die Rudolf vom Tisch gewischt hat, tun natürlich genau dies. Sie benutzen Primärquellen, die man kennen und bewerten muss, wenn man mitreden will. Leider zeigte schon eine flüchtige Stichprobe, dass Mattogno auch hier mit der bereits erwähnten Nachsicht gegenüber seinen anscheinend wenig belastbaren Lesern verfahren ist.
Andrej Angrick bezieht sich in Aktion 1005 (S. 126) in Zusammenhang mit der Mordaktion in Charkow auf zwei ältere Quellen: Angrick, „Beispiel Charkow“, erschienen 2005, und Pohl, „Schauplatz Ukraine“, 2000. Beide Texte sind deutlich vor Mattognos Buch erschienen. Hätte er diese „Sekundärliteratur“ zur Kenntnis genommen, dann wären ihm die dort erwähnten Zeugenaussagen von Viktor Trill, Victor Woithon und Ernst Consée (alle 1965) sicher nicht entgangen. Diese drei Namen kommen in Mattognos Buch, in dem auch Charkow behandelt wird, nirgends vor.
Auch in Bezug auf die Kritiker beim Projekt Holocaustcontroversies will Mattogno seine Leser anscheinend nicht überfordern. Dass Mattogno die aktuelleren Texte angeblich nicht berücksichtigen wollte, hatte Germar Rudolf bereits im Vorwort erklärt; warum Mattogno aber die älteren Texte zu Babyn Jar nicht berücksichtigen wollte, ist wiederum nicht erklärlich. Vielleicht waren die vielen dort aufgeführten Originaldokumente zu Babyn Jar auch nur überflüssiges Detailwissen, mit dem er die Leser nicht behelligen wollte.
Die Schlucht Babyn Jar bei Kiew. Bildquelle: Hamburger Institut für Sozialwissenschaften
Alles nur eine Verschwörung?
Andererseits gebe es, so behauptet Rudolf im Vorwort zu Mattognos Buch, noch eine ganz andere andere Möglichkeit:
Natürlich ist auch das andere Extrem denkbar, nämlich dass die in deutschen Dokumenten berichteten Massenexekutionen womöglich in Bausch und Bogen erfunden sind. Auch diese Möglichkeit diskutiert Mattogno.
Germar Rudolf, Vorwort, in: Mattogno, Einsatzgruppen
Dies müsste eine wahrhaft gewaltige Verschwörung sein. Entweder die Angehörigen der Einsatzgruppen haben hemmungslos fantasiert, oder irgendjemand hat sich all dies später ausgedacht und unschuldigen Dritten in die Schuhe geschoben, die sich darüber allerdings nie beklagt haben. Die Verschwörung wäre dann offenbar sogar so weit gegangen, dass einige Täter zu ihrem eigenen Nachteil vor Gericht die Morde einräumten, die sie angeblich gar nicht begangen hatten.
Die Nachkriegsprozesse in der Bundesrepublik sind für Holocaustleugner besonders unangenehm, weil sie diese Verfahren nicht mit der Behauptung, es sei doch nur Siegerjustiz, durch Händewedeln wegzaubern können. Ein Beispiel hierfür ist das Verfahren gegen den SS-Sonderkommandoführer Kuno Callsen in Darmstadt im Jahr 1967–1968. Callsens Beteiligung an den Morden in Babyn Jar wurde bewiesen, und er wurde verurteilt.
Wenn dies eine Verschwörung wäre, dann hätten sie alle – die Verteidiger, die Richter, die Staatsanwälte, die Prozessbeobachter – konsequent geschwiegen, und die Angeklagten hätten – wie Callsen – sogar unverdiente Haftstrafen auf sich genommen, nur um die angebliche Verschwörung nicht auffliegen zu lassen.
Diese Vorstellung ist dermaßen absurd, dass man sofort in eine andere Richtung denken sollte: Holocaustleugnung ist letztlich nichts anderes als eine besonders unschöne Verschwörungsfantasie.
Rudolf und Mattogno sind zu intelligent, um so etwas zu glauben; ihre Zielgruppe halten sie aber wohl für gutgläubig genug, um so etwas in ihr Buch zu schreiben.
Quellen und Verweise
- Klaus-Michael Mallmann u.a., Die „Ereignismeldungen UdSSR“ 1941
- Andrej Angrick, »Aktion 1005« – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942–1945
- Sönke Neitzel, Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945
- Wolfgang Benz, Legenden Lügen Vorurteile
- Hans Frank, Diensttagebuch 16.12.1941
- Generalfeldmarschall von Reichenau, Reichenau-Befehl
- Paul Blobel, Eidesstattliche Erklärung
- DLF Kultur, Otto Langels, Der Massenmord begann nicht erst in Auschwitz
- Deutsches Historisches Museum, Die Massenmorde von Babi Jar 1941
- Hans Metzner, Evidence on the Babi Yar Massacre 29 & 30 September 1941: Contemporary Sources (englisch, Faksimiles der deutschen Quellen)
- Sergey Romanov, That's why it is denial, not revisionism. Part III: Deniers and Babiy Yar massacre (1)