Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz

Reinhard Heydrichs „Meisterstück“

BEHAUPTUNG:

War der Überfall auf den Sender Gleiwitz einer von vielen polnischen Übergriffen, die Hitler dazu trieben, einen Krieg zu beginnen, den er eigentlich nicht wollte?

FAKT / WIDERLEGUNG:

Nein, das trifft nicht zu. Genau wie andere vermeintliche polnische Übergriffe wurde auch der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31.08.1939 in Hitlers Auftrag durchgeführt, um dem Diktator einen Kriegsgrund zu liefern. Diese Einschätzung beruht auch auf Hitlers eigenen Worten.

Eine Meldung aus dem Propagandaapparat des NS-Regimes:

Meldung des Polizeipräsidenten Gleiwitz. Gegen 20 Uhr wurde der Sender Gleiwitz durch einen Trupp polnischer Aufständischer überfallen und vorübergehend besetzt. Die Aufständischen wurden durch deutsche Grenzpolizeibeamten vertrieben. Bei der Abwehr wurde ein Aufständischer tödlich verletzt.

Meldung zum 31.08.1939, Weißbuch Nr 2 des NS-Propagandaapparats

Der Überfall fand statt, alles andere ist Propaganda. Jürgen Runzheimer zieht folgendes Fazit:

Der Sachverhalt ist geklärt. Die Konvergenz der festgestellten Fakten von den Vorbereitungen des Überfalles bis zu den Maßnahmen danach weist eindeutig auf den Sicherheitsdienst der SS hin.

Jürgen Runzheimer, Überfall auf den Sender Gleiwitz, S. 425

Aktuelles Bild des Gitter-Sendeturms in Gleiwitz.

Der ehemalige Reichssender Gleiwitz, heute noch der höchste Holzturm der Welt.GregorioW, CC BY 3.0

Was geschah wirklich in Gleiwitz?

Am Abend des 31.08.1939 überfielen nicht etwa polnische Aufständische, sondern der SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks zusammen mit fünf oder sechs in Zivil gekleideten SS-Leuten den Sender Gleiwitz [vgl. Wolfgang Benz u.a., Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 491].

Das laufende Programm wurde unterbrochen, über den Sender wurde ein Aufstand der polnischen Minderheit ausgerufen. Ein im Vorfeld ermordeter Mann, den die SS-Leute zynisch als „Konserve“ bezeichneten, wurde als „Beweis“ für den angeblichen polnischen Überfall in der Sendeanlage deponiert, nach wenigen Minuten war die tödliche Inszenierung vorbei. Die „Konserve“ war der schlesische Bauer Franciszek Honiok, der als Statist für diese Inszenierung gezielt ausgewählt und ermordet worden war. Franciszek Honiok gilt als das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs [vgl. Dawid Smolorz, Franz Honiok, Das erste Opfer des Zweiten Weltkrieges].

Dieser fingierte Überfall sollte neben anderen ähnlichen Aktionen Hitler den Anlass zum Krieg gegen Polen liefern. Der Diktator hatte schon einige Tage vorher auf dem Obersalzberg erklärt:

Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.

Adolf Hitler am 22.08.1939
zit. n. Henric L. Wuermeling, August '39, S. 21; auch PS-1014

Den Auftrag, die entsprechenden Aktionen zu organisieren, bekam Reinhard Heydrich.

Bei seiner ersten Informationsbesprechung erklärt er in Oppeln dem dortigen Leiter der Gestapo: „Der Führer braucht einen Kriegsgrund.“ Und Heydrich will ein geheimdienstliches „Meisterstück“ liefern, das „aller Welt einwandfrei bewies, dass Polen diesen Krieg begann.“

H. Wuermeling, August '39, S. 14

Zur Vorbereitung wurden in der Fechtschule Bernau SS-Männer einquartiert und

nach polnischem Reglement instruiert, üben polnische Grußformen und Lieder. Ein Teil von ihnen erhält den kurzen militärischen Haarschnitt und muss sich entsprechend dem angeblichen Aussehen polnischer Soldaten Bärte und Koteletten lang wachsen lassen (…) Sie sprechen untereinander von einem „Himmelfahrtskommando“ in Polen.

H. Wuermeling, August '39, S. 15

Am Abend des 31. August 1939 kam der Befehl zum Losschlagen. Naujocks drang mit seinen Männern ins Gebäude des Senders ein.

Naujocks: „Wir haben im Senderaum kurz mit Pistolen geschossen. Wir haben ein paar Warnschüsse in die Decke gegeben, um ein bisschen Krawall zu machen und die Leute einzuschüchtern.“

(…)

Das Kommando Naujocks weiß aber nicht, dass der Sender Gleiwitz kein eigenes Programm ausstrahlt, sondern sein Programm vom Sender Breslau übernimmt. Naujocks: „Dann haben wir uns heiß gesucht, damit wir die Sendung durchbekamen.“ Der Rundfunkspezialist des Kommandos findet ein „Gewittermikrophon“ im Geräteschrank (…) Mit diesem Mikrophonanschluss kann die Sendeleitung mitteilen, dass eine Sendung – etwa bei Gewitter – gestört ist.

(…)

„Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand (…) Die Stunde der Freiheit ist gekommen!“ Die vorbereitete Rede wird verlesen. Sie dauert knapp vier Minuten. Die Sendung endet mit dem Aufruf: "Hoch lebe Polen!"

H. Wuermeling, August '39, S. 166

Die propagandistische Auswertung sollte unmittelbar nach dem fingierten Überfall beginnen, wie Wuermeling weiter schreibt. Demnach wurden eilig mit Blitzlicht aufgenommene Fotos des Toten nach Berlin geflogen, doch die Aufnahmen entsprachen nicht Heydrichs Vorstellungen. Deshalb wurden noch in derselben Nacht zwei weitere Tote aus dem KZ Sachsenhausen herbeigeschafft und im Schaltraum des Senders zurechtgelegt (vgl. August '39, S. 167)

Besonders erfolgreich war die Aktion nicht. Der Sender hatte nur eine relativ geringe Reichweite, und die Ausstrahlungen wurden oft überlagert. Die Zahl der tatsächlich erreichten Hörer dürfte nicht sehr groß gewesen sein, doch die NS-Führung setzte weniger auf die direkte Wirkung der Sendung selbst und viel stärker auf die propagandistische Auswertung dieses fingierten Überfalls.

Inszenierte Vorfälle wie dieser trugen zur Zuspitzung der Situation bei, bis Hitler verkünden konnte:

„Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“

Adolf Hitler am 1.9.1939 in einer für 10 Uhr angesetzten Reichstagssitzung zit. n. H. Wuermeling,August '39, S. 179

Anmerkung

  1. Vgl. auch Wolfgang Benz u.a. (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus S. 491. Naujocks wird dort irrtümlich als „SS-Standartenführer“ bezeichnet; er bekleidete zu diesem Zeitpunkt jedoch den Rang eines Sturmbannführers. Im Register auf S. 866 wird der richtige Rang genannt. Ob er von fünf oder sechs SS-Leuten begleitet wurde, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Quellen und Verweise