Rechtsextremer "Revisionismus"

Die verhinderte Wissenschaft

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"Revisionistische" Autoren und ihre Anhänger beklagen manchmal, sie würden ausgegrenzt, man würde ihnen die faire Auseinandersetzung und den offenen Austausch verweigern, man müsse doch immer beide Seiten hören, die "orthodoxe" Geschichtswissenschaft scheute die Auseinandersetzung mit "andersdenkenden" Autoren, und so weiter.

In einem Online-Forum war beispielsweise die folgende Äußerung zu lesen:

Ich fände es toll, wenn etablierte und revisionierende Geschichtswissenschaft frei abgeglichen werden würde, und die Irrtümer und Wahrheiten beider Seiten so endlich festgestellt werden könnten. Ich glaube JEDER hat ein Recht sich selbst ein Bild zu machen. Man kann sich erst ein Urteil bilden, wenn man BEIDE Seiten gehört hat.

Das ist eine Nebelkerze, denn dies geschieht auch jetzt schon jeden Tag. Die Revision des derzeitigen Wissensstandes ist selbstverständlich ein Bestandteil der Geschichtswissenschaft. Dies bedeutet nämlich nichts anderes, als dass bisherige Erkenntnisse immer wieder neu geprüft und im Lichte neuer Informationen ggf. verworfen, bestätigt oder modifiziert werden. Dieser Prozess ist eine notwendige Voraussetzung, ohne die keine Wissenschaft bestehen könnte.

Das ist so banal, dass man darüber eigentlich kein Wort mehr zu verlieren braucht. Die kritische Prüfung des Wissensstandes hat in Bezug auf den Holocaust unmittelbar nach dem Krieg eingesetzt und bis heute nicht aufgehört. Historiker legen neue Fakten und neue Deutungen vor, die Autoren älterer Werke sehen sich gezwungen, ihren Standpunkt verteidigen. Sie müssen die neueren Publikationen angreifen und widerlegen oder, wenn sie das nicht können, den eigenen Standpunkt an die neuen Erkenntnisse anpassen.

Dieser Prozess der gegenseitigen kritischen Prüfung, der ein ganz alltäglicher Bestandteil der historischen Forschung ist, führt auf lange Sicht dazu, dass immer mehr unzutreffende Sichtweisen verworfen werden und die Beschreibung der historischen Realität eine immer bessere Annäherung an die tatsächlichen Ereignisse erreicht.

Kaum ein historisches Ereignis ist aber so gut untersucht und dokumentiert wie der Holocaust, und in diesem Bereich ist die Annäherung an die Realität inzwischen sehr weit fortgeschritten. Man könnte vergleichsweise an das Alexandermosaik denken, das aus etwa einer Million Teilchen besteht. Jedes dieser Teilchen entspricht einem von unzähligen Einzelereignissen, die insgesamt unser Bild vom Holocaust ergeben. Es ändert nichts am Gesamtbild, wenn man ein oder zwei Teilchen herausbricht.

Die Nationalsozialisten haben versucht, ihre Verbrechen zu vertuschen und die Spuren zu beseitigen, so dass sich einige Fragen möglicherweise nicht mehr völlig aufklären lassen; doch auch hier ist sicher nicht zu erwarten, dass sich in den dunklen (nicht erforschten) Bereichen Informationen verbergen, die das Gesamtbild erschüttern.

Alexandermosaik
Das Alexandermosaik besteht aus ca. einer Million Steinchen.
© Magritta, CC BY-SA 3.0

In der Interpretation der Fakten gibt es in der Geschichtswissenschaft manchmal auch heute noch heftigen Streit; im Hinblick darauf, welche Fakten überhaupt als gesichert gelten können, herrscht dagegen weitgehende Einigkeit. Diese Ebene - die allerunterste Grundlage, die Frage nach den Tatsachen: Was ist da eigentlich passiert, welche Daten haben wir? - ist dank des beschriebenen Prozesses längst erschöpfend geklärt.

Die "Revisionisten" verhalten sich aber, als wüssten wir noch nicht einmal, was das Bild überhaupt darstellt. Sie wollen wegdiskutieren, was bereits ausdiskutiert und nach einem langwierigen Klärungsprozess allgemein als wahr erkannt worden ist. Wenn sie mit diesem Ansatz Erfolg haben wollen, müssen die "Revisionisten" sehr, sehr gute Argumente haben, und vor allem müssen sie Daten, Fakten und Deutungen anbieten, die das, was damals mit den Juden geschehen ist, erheblich besser beschreiben als alles, was die Geschichtswissenschaft bisher dazu veröffentlicht hat. Sie müssten gewissermaßen aus einer Million Teilchen ein neues Bild mit einer völlig anderen Aussage konstruieren, das obendrein auch noch überzeugender zu sein hätte als das Original.

Die "Revisionisten" behaupten von sich, sie könnten dies leisten, aber sie werden dem Anspruch nicht gerecht. Schon ein Laie kann in den Werken von "Revisionisten" wie Germar Rudolf Verdrehungen, Fälschungen und Lügen entdecken.

Und wenn sich dann wirklich einmal ein seriöser Historiker ein "revisionistisches" Werk vornimmt - was durchaus schon einige Male geschehen ist -, dann fällt das Ergebnis aus der Sicht der Holocaustleugner so unerfreulich aus, dass sie lieber kein Wort darüber verlieren. Eines von vielen Beispielen ist die Besprechung des Buchs Der erzwungene Krieg von David Hoggan.

Die "Revisionisten" sind kein Teil des oben beschriebenen Prozesses. Sie arbeiten mit Tricks und Halbwahrheiten, manchmal auch mit dreisten Lügen. Die Abteilung Literatur der Auschwitzleugner ist voller solcher Beispiele.

Aus diesem Grund sollte man die hier angesprochenen "Revisionisten" auch in Anführungszeichen schreiben, um ihre fragwürdigen Methoden von einer sachlich begründeten Revision (oder Überprüfung) des aktuellen Wissensstandes zu unterscheiden. Der äußeren Form nach geben sich die "Revisionisten" einen wissenschaftlichen, seriösen Anstrich; in Wahrheit aber arbeiten sie unredlich und eben gerade nicht mit wissenschaftlich sauberen, nachvollziehbaren Methoden und Argumenten.

Die Unehrlichkeit der "Revisionisten" drückt sich beispielsweise auch in der Unterstellung aus, es gäbe so etwas wie "zwei Seiten", wobei auch "die andere Seite gehört werden" müsse.

Das ist falsch. Es gibt nicht nur zwei, es gibt unzählige Seiten, die innerhalb der Geschichtswissenschaft allesamt ihren Platz finden. Nur eine einzige Bedingung muss erfüllt sein: Die Standpunkte müssen mit wissenschaftlich sauberen Methoden gewonnen werden. Wer diese Voraussetzung erfüllt, ist mit neuen Ansätzen in der Geschichtswissenschaft willkommen, muss aber natürlich damit rechnen, dass seine Ideen sehr kritisch geprüft werden. Hält der neue Ansatz der kritischen Prüfung stand, wird er in das integriert, was als gesichert gilt. Hält er nicht stand, wird er verworfen.

Will man hier aber unbedingt von zwei Seiten sprechen, dann sind es höchstens diese: Wenn "Revisionisten" gegen die Geschichtswissenschaft antreten, dann stehen nicht zwei konträre geschichtswissenschaftliche Ansätze gegenüber, sondern es steht wissenschaftliche Methodik gegen politisch motivierte Voreingenommenheit.

Insofern ist die zitierte Forderung, die "etablierte und revisionierende Geschichtswissenschaft" müssten abgeglichen werden, wenig sinnvoll.

Eine Revision, die mit sauberen Methoden arbeitet, ist, wie bereits besagt, auch heute schon ein Teil der Geschichtswissenschaft. Wer dagegen die Prinzipien wissenschaftlicher Methodik nicht beachtet, kann nicht für sich beanspruchen, von der Wissenschaft ernst genommen zu werden. Wenn man "revisionistische" Werke betrachtet, sieht man sehr schnell, dass die meisten dieser Autoren nicht einmal das allereinfachste Handwerkszeug der geschichtswissenschaftlichen Arbeit beherrschen.

Der Abgleich mit dem "Revisionismus" der Holocaust-Leugner ist also, vom Erkenntnisgewinn her betrachtet, wenig aufschlussreich, weil naturgemäß nichts herauskommen kann, wenn man seriös begründete Geschichtswissenschaft mit sektiererischer und unehrlicher Pseudowissenschaft vergleicht.

Um gleich noch einem Einwand zu begegnen, der von den Anhängern der "Revisionisten" gelegentlich zu hören ist: Man kann auch als geschichtswissenschaftlicher Laie sehr schnell feststellen, ob der Verfasser eines historischen Werks sauber arbeitet oder nicht. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Frage, ob der Autor seine Quellen wahrheitsgetreu angibt und zur Überprüfung einlädt; ein weiterer ist, ob der Verfasser unkritisch Autoren zitiert, die ihrerseits ihre Quellen nicht sauber dokumentiert haben; ein dritter ist, ob die Zitate Sinn und Intention des Quelltextes korrekt wiedergeben; und schließlich, ob Widersprüche im vorliegenden Material offen benannt und diskutiert werden, oder ob der Autor sich immer nur das heraussucht, was seine vorgefasste Meinung bestätigt.

Die meisten "Revisionisten" erfüllen nicht einmal diese Minimalanforderungen und werden deshalb mit Recht nicht ernst genommen. Wer unredlich und unsauber arbeitet, kann eben nicht erwarten, in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung Gehör zu finden.

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