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"Nathan" Kaufman: Germany Must Perish

Wie aus einem Sonderling ein Staatsfeind wird

Theodore N. Kaufman wird von Holocaust-Leugnern meist "Nathan Kaufmann" genannt. Das ist eine Fälschung. Kaufmans (mit nur einem 'n') zweiter Vorname lautete nicht Nathan. Wolfgang Benz schreibt dazu:

Das Initial von Kaufmans zweitem Vornamen findet sich nur ein einziges Mal (Im Nachrichtenmagazin Time) aufgelöst: Es steht für Newman.

Titel Germany Must Perish
Th. Kaufman
Germany Must Perish

Vermutlich klang den Autoren der Fälschung Kaufmans wirklicher Name nicht "jüdisch" genug.

Kaufman, ein New Yorker jüdischen Glaubens, hat in der Tat eine Abhandlung mit dem Titel "Germany Must Perish" ("Deutschland muss vernichtet werden") geschrieben. In dieser Schrift ist unter anderem die Rede davon, dass alle Deutschen sterilisiert werden müssten.

Mitte 1941 wurde die nationalsozialistische Presse auf Kaufmans Veröffentlichung aufmerksam. Kaufmans Text wurde - und wird heute noch - propagandistisch ausgeschlachtet.

Ob man ihn als fanatischen Wirrkopf oder naiven Idealisten charakterisiert, die politische Wirkung des Einzelgängers Kaufman hatte ausschließlich darin bestanden, der nationalsozialistischen Propaganda vielfältig verwendbare Munition zu liefern.

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 197

Damit dies funktionierte, mußte Kaufman eine Bedeutung zugeschrieben werden, die er in Wirklichkeit nicht hatte. So wurde Kaufman mit amerikanischen Regierungskreisen in Verbindung gebracht, namentlich mit Präsident Roosevelt. Gelegentlich wird von Rechtsextremisten behauptet, Kaufman sei ein enger Vertrauter und Berater des Präsidenten gewesen und habe mit ihm gemeinsam die Ausrottung der Deutschen geplant.

Allerdings lässt sich in Roosevelts Papieren

(...) nicht der geringste Hinweis auf Theodore N. Kaufman finden (...)

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 195

Theodore N. Kaufman wurde außerdem als Leiter einer bedeutenden jüdischen (soll heißen: antideutschen) Organisation beschrieben. Die NS-Presse schilderte Kaufman beispielsweise als Präsidenten einer Organisation namens "American Federation of Peace". Eine Organisation dieses Namens ist freilich

(...) nirgendwo nachweisbar. (49) Und auch in den jüdischen Organisationen Amerikas war Kaufman ein Unbekannter. (50)

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 195

In den Anmerkungen 49 und 50 nennt Benz die Quellen, bei denen er recherchiert hat:

Schriftliche Auskunft der Library of Congress
YIVO Institute for Jewish Research, New York
Leo Baeck Institute, New York
The American Jewish Committee, New York
Aufbau, New York

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 201

Die "American Federation of Peace" - vermutlich Kaufmans eigenes Einmannunternehmen - ist nur ein einziges Mal in Erscheinung getreten. 1939 hat Kaufman in ihrem Namen vom amerikanischen Kongreß verlangt:

• die Vereinigten Staaten aus Europas Kriegen herauszuhalten oder
• alle Amerikaner sterilisieren zu lassen, damit ihre Kinder nicht mordlüsterne Monster würden.

"Time" fügte lakonisch hinzu: "Im Laufe der Zeit hatte Sterilisierer Kaufman seine Grundidee einfach auf den Gegner übertragen".

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 195

Kaufmans Idee, man müsse alle Deutschen sterilisieren, wird heute von Hitler-Anhängern und Antisemiten als "Beweis" dafür angeführt, dass die Juden die schlimmsten Feinde der Deutschen wären. Unter den Tisch fällt dabei freilich die Tatsache, dass Kaufman nur über Sterilisationen geschrieben hat, während die Nazis tatsächlich Zwangssterilisationen und Kastrationen durchgeführt haben. [Sterilisationen]

Auch im Hitler-Regime hat man erkannt, wie gut sich Kaufmans Schrift für die Nazi-Propaganda verwerten ließ. Nach Angaben des "Völkischen Beobachters" vom 28.9.1941 sei Kaufmans Broschüre in den USA in Millionenauflage vertrieben worden, was Kaufmans Bedeutung für die Meinungsbildung der Amerikaner hervorheben sollte. In Wirklichkeit erschien das Buch jedoch bei "Argyle Press". Dieser Verlag ist völlig unbekannt, und das ist kein Wunder: Kaufman hatte den Verlag selbst gegründet, um sein Buch im Alleingang herauszubringen. Die Zeitschrift Time am 24.3.1941:

Er hat das Buch keinem professionellen Verleger angeboten, weil er es nicht redaktionell bearbeiten lassen mochte, und "ich wollte kein solches Buch für Geld schreiben." Finanziell wird es, wie er glaubt, sich auch gerade noch rentieren.

Rechtsextremismus in Deutschland, S. 194

Eine weitere Manipulation der Nazis betraf das Erscheinungsdatum von Kaufmans Schrift. Das Datum der Veröffentlichung wurde in die Nähe des 14. August 1941 gerückt, der Geburtsstunde der Atlantik-Charta. Damit sollte suggeriert werden, Kaufmans Buch habe Einfluß auf die Charta gehabt. Die hier zitierte Time-Rezension ist jedoch bereits im März 1941 erschienen.

Vielleicht ist noch erwähnenswert, in welchem größeren Zusammenhang diese Manöver der NS-Propaganda gestanden haben:

"Nach dem Motto, daß Angriff die beste Verteidigung ist, wünsche ich daher, daß jeden Tag ein oder zwei sehr geschickte Lügenmeldungen über die Absichten Roosevelts oder auch Churchills in die Welt gesetzt werden."

Außenminister von Ribbentrop am 24.7.1941
zit. n. Rechtsextremismus in Deutschland, S. 183

Dies deckt sich mit den Gedanken, die der Nazi-Propagandaminister Goebbels am 3. August 1941 in sein Tagebuch geschrieben hat:

Mittags fliege ich nach Salzburg. Unterwegs habe ich Gelegenheit, das Buch des Juden Nathan Kaufmann aus den USA: "Deutschland muss sterben!" im Original durchzulesen. Es ist so aufreizend, daß einem direkt die Zornesröte ins Gesicht steigt. Im übrigen hat dieser Jude der Feindseite damit einen wahren Bärendienst geleistet. Hätte er dieses Buch auf meine Bestellung ausgearbeitet, er hätte es wahrlich nicht besser und vorteilhafter für uns machen können. Ich werde dieses Buch in einer Volksausgabe in Millionen Exemplaren verbreiten lassen, vor allem an der Front, und selbst das Vor- und Nachwort dazu schreiben.

Goebbels-Tagebücher, Eintragung 3.8.1941

Hitler ließ denn auch Kaufmans Buch

"... über alle Rundfunksender verlesen (...) Kurz und gut, die Verlesung des Buches von Theodore Kaufman im deutschen Rundfunk entfesselte eine Volkswut gegen die Juden."

Rassinier, Zum Fall Eichmann
zit. n. Rechtsextremismus in Deutschland, S. 197

Und genau dies - die Entfesselung einer Volkswut gegen die Juden - ist der Grund, aus dem Auschwitzleugner auch heute die Schrift des amerikanischen Sonderlings Kaufman heranziehen; und wie man sieht, greifen sie dabei wissentlich oder unwissentlich auf Vorgaben zurück, die unmittelbar aus dem Propagandaapparat der Nazis stammen.





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© Jürgen Langowski 2016