Ernst Zündels "amtliche" Todeszahlen

Eine Erwiderung von Nele Abels-Ludwig

Der im Folgenden dokumentierte Text von Nele Abels-Ludwig bezieht sich auf eine Liste mit angeblich stark schwankenden Zahlen für die Auschwitz-Opfer. Diese Liste wird von Rechtsextremisten immer wieder als "Beweis" dafür präsentiert, dass die etablierte Geschichtsschreibung über den Judenmord die Unwahrheit sagt.

Nele Abels-Ludwig kommt, wie nicht anders zu erwarten, zu dem Ergebnis, dass die vermeintlichen Unstimmigkeiten nicht im Material der Geschichtswissenschaft begründet, sondern durch unredliche Manipulationen der Auschwitzleugner entstanden sind.

Anmerkungen zu einigen weiteren Daten und die Liste selbst können auf einer anderen Seite abgerufen werden. [Gut sortiert ...]


From: Nele Abels-Ludwig <Abels@ Stud-Mailer.Uni-Marburg.DE>
Subject: Die Auschwitz-Zahlen der "Welt"
Date: 25 Mar 1998 00:00:00 GMT
Message-ID:
<Pine.A41.3.96.980324165327. 22824A-100000@ Stud-Mailer.Uni-Marburg.DE>
Newsgroups: de.soc.politik.deutschland
References: <351226FF.655A@ gmx.de>
(...)
Reply-To: Nele Abels-Ludwig <Abels@ Stud-Mailer.Uni-Marburg.DE>

On Sun, 22 Mar 1998, Guenter Lelarge wrote:

[Ueber die Zahl der in Auschwitz umgekommenen Menschen]

> Andere genaue
> Zahlen existieren nun mal nicht. Gleichwohl werden Zahlen genannt;

Richtig es werden _irgendwelche_ Zahlen genannt. Doch eins nach dem anderen.

>in der Welt, nach der Liste in dieser zeitlichen Reihenfolge:
>
> 27.09.1993 Die Welt 800.000
> 23.01.1995 Die Welt 5.000.000
> 23.01.1995 Die Welt 1.500.000
> 23.01.1995 Die Welt 700.000
> 27.01.1995 Die Welt 2.000.000
> 27.01.1995 Die Welt 1.100.000

So. Ich habe wieder mal das getan, was ich anderen Leuten auch gerne empfehle, naemlich meinen Arsch - man verzeihe den Ausdruck, aber die Umstaende erfordern eine druckvolle Sprache - meinen Arsch aus dem Sessel zu erheben und in die Bibliothek zu gehen, um "die Welt" einzusehen. Und genau das haetten Sie auch tun muessen, um zu vermeiden, beim zu weiten Herauslehnen aus dem Fenster gleich kopfueber herauszukippen. Warum herausgekippt und warum das ganze wichtig ist, dazu am Ende dieses Artikels.

Schauen wir uns zuerst mal Ihre (oder Kochs oder Zuendels) Liste an. Was heissen die Zahlen denn ueberhaupt? Die Zahlen sind aus einer laengeren Liste der Zuendelsite entnommen. (http://www.webcom.com/ ~ezundel/ german/ wahre/stats.html)

Ueberschrieben ist die Liste vollmundig mit:

"Amtliche Todeszahlen von Auschwitz
Ermittlungsinstitution (nur amtliche Quellen)"

Folgendes dient dann wohl der Erlaeuterung des Tabelleninhalts:

"Ermittlungszeitpunkt amtliche Opferzahl"

Das suggeriert natuerlich, dass jede dieser Zahlen die offizielle Schaetzung von Regierungen (warum sonst "amtlich"?) ueber die ingesamt in Auschwitz umgekommenen Menschen sein soll. Das ist aber nicht der Fall.

Von "amtlich" kann zunaechst einmal ueberhaupt nicht die Rede sein. Es handelt sich um Zeitungsausrisse, Angaben aus Fernsehen und Rundfunk, um Forschungsliteratur und vereinzelt um historische Quellen, wobei in erster Linie die sowjetische Anklageschrift bei den Nuernberger Prozessen zu nennen ist (IMT Dokument 008 USSR), die natuerlich keine Quelle fuer die Erforschung der Geschichte von _Auschwitz_ ist.

Ebensowenig ist die Angabe "Ermittlungszeitpunkt" von irgendwelcher Hilfe. Es handelt sich bei den vorneangestellten Daten nicht um den Zeitpunkt, wann diese Zahlen _ermittelt_ wurden, sondern um die Datierung der von Zuendel herangezogenen _Darstellungen_. Und selbst diese Angaben sind zum Teil falsch, wie im Falle von Kogons "SS-Staat", der auf 1989 datiert worden ist, in Wahrheit aber in den spaeten 40ern geschrieben wurde. Die Unterscheidung ist von aeusserter Relevanz. Bei Zuendel sieht es naemlich so aus, als ob 1989 (Kogon) oder 1995 (Die Welt) noch allgemein von 5 Millionen Opfern in Auschwitz ausgegangen worden ist. Das trifft aber nicht zu.

Drittens verwundert, dass keinerlei Quellenangaben gemacht werden, wodurch die Nachpruefung von Zuendels Angaben ausserordentlich schwierig wird. Nackte Zahlen stehen voellig unkommentiert untereinander. Der Grund dafuer wird sofort klar, wenn man sich die Muehe macht, die Quellen einzusehen und diese Angaben aufzufinden. Schauen wir uns mal Ihre Angaben aus "der Welt" an:

1.) 27.09.1993 Die Welt 800.000

Auf Seite 1 wird ueber das neu herausgekommene Buch von Jean-Claude Pressac, "Die Krematorien von Auschwitz" berichtet. Pressac habe mit den von ihm in sowjetischen Archiven neu aufgefundenen Quellen, naemlich den Sterbebuechern, die Zahl der Opfer auf 800.000 hochgerechnet. GLEICHZEITIG gibt "Die Welt" jedoch an, dass der aktuelle Forschungsstand zwischen 1,1 Millionen (Francis Piper) und 1,2 Millionen (Raul Hillberg) liegt. Die Zeitung ordnet diese Zahl also voellig korrekt als neue These in der wissenschaftlichen Diskussion ein, ohne sie in irgendeiner Weise als allgemeingueltig oder "offiziell" hinzustellen. Tatsaechlich ist die von Pressac ermittelte Zahl auch in der Geschichtswissenschaft rezipiert worden, wurde aber aufgrund methodischer Probleme nicht anerkannt. Das sagt Zuendel selbstverstaendlich nicht, wo bekaeme er sonst seine "Widersprueche" her?

2.) 23.01.1995 Die Welt 5.000.000
23.01.1995 Die Welt 1.500.000
23.01.1995 Die Welt 700.000

Das sind ja gleich drei Zahlen auf einmal. Und alle drei "amtlich"? Sie entstammen einer Artikelserie zum 50sten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz (Seite 6). Die Zahl von 5 Millionen ist eine derartig dreiste Falschdarstellung des eigentlich Geschriebenen, dass es einem die Sprache verschlaegt. Hans Mommsen, der in Bochum neuere Geschichte lehrt, schreibt:

Auschwitz steht als Symbol fuer mehr als fuenf Millionen juedische Menschen. Ausschliesslich ihre rassische Herkunft fuehrte zu ihrer Ermordung.

Im weiteren Verlauf des Artikels stellt er die Geschichte des staatlichen Antisemitismus und der Endloesung dar. KEIN WORT davon, dass in Auschwitz fuenf Millionen Menschen umgebracht worden seien, selbstverstaendlich ist von allen durch die Nationalsozialisten umgebrachten Juden die Rede. Aber natuerlich stellt das Zuendel alles ganz anders da, denn wo kaemen sonst seine Widersprueche her? Die Zahl 700,000 ist auf der gleichen Seite in einem Artikel von Knut Teske ueber die Massenvergasungen in Auschwitz zu entnehmen, der sich im wesentlichen auf die oben genannte Untersuchung von Pressac beruft. Aber auch Teske sagt richtig, dass Pressacs Angabe eine Angabe neben anderen Zahlen von 1,1 bis 1,5 Millionen Ermordeten ist. Gleiches gibt ein dritter Artikel dieser Seite an, "mindestens 1,1 Millionen", nach "aktuellen Schaetzungen wurden etwa 1,5 Millionen Menschen" umgebracht. Diese Relativierungen werden in der plakativen Darstellung Zuendels natuerlich nirgendwo sichtbar.

3.) 27.01.1995 Die Welt 2.000.000
27.01.1995 Die Welt 1.100.000

Wenn ich die obige 5-Millionen Angabe schon erstaunlich gefunden habe, hat es mir bei diesen Zahlenangaben wirklich die Sprache verschlagen. Am 27. 1. 1995 fand in Auschwitz die Feier anlaesslich des 50. Jahrestages der Befreiung statt, an der auch der Bundespraesident Roman Herzog teilnahm. Ich habe diese Ausgabe der Welt mehrfach gruendlich durchgesehen. Eine Zahlenangabe der in Auschwitz ermordeten Menschen wurde NIRGENDWO gemacht. Diese Zahlen sind schlicht und einfach ERFUNDEN. Die einzige Zahlenangabe, die aufzufinden war, ist folgende:

...trat Herzog einer Ueberlebenden entgegen. "Danke schoen!" sagte sie und fur fort: "Ich habe die Nummer 229,301 und melde mich zur Stelle." (Seite 3)

So etwas ist zwar eine der typischen Glanzleistungen der Holocaust-Leugnung, dem "grossen intellektuellen Abenteuer des 20. Jahrhhunderts", aber der Wahrheitsfindung ist das ja wohl kaum dienlich.

Was bleibt uebrig? In den angegebenen Ausgaben der Welt wird also summa summarum gesagt, dass von den kommunistischen Regimes eine viel zu hohe Zahl von 5 Millionen angegeben wurde, dass der aktuelle Forschungsstand zwischen 1,1 und 1,5 Millionen liegt und das Pressac eine neue These von Rund 800,000 Ermordeten aufgestellt hat, die er selbst jedoch als "vorlaeufig" und "eventuell lueckenhaft" (S. 202) bezeichnet.

Auch das Standardwerk "Dimensionen des Voelkermordes", Hrsg. Wolfgang Benz, Muenchen: DTV, 1991, das den aktuellen Forschungsstand representiert, nennt eine Zahl von ungefaehr einer Million Ermordeten. Von irgendwelchen dramatischen Widerspruechen wie die Holocaust-Leugner es suggerieren also keine Spur. In der Welt steht haargenau das, was sie in dieser Newsgroup von den Leuten gesagt bekommen, ueber die Sie sich immer so fuerchterlich aufregen. Aber warum macht Zuendel das, warum ist die Zahlendiskussion von Bedeutung? Sie schreiben folgendes:

> Wenn diese Angaben alle stimmen, deute ich das so, dass die
> Holokaust-Hobbyisten schlechte Arbeit geleistet haben - trotz der
> Unterstützung durch Presse, Kinofilme und TV-Dokumentationen.
> Es könnte aber auch bedeuten, daß die Opferzahlen instrumentalisiert
> werden: gegen die (weder Täter noch Opfer!), die gefälligst die nächsten
> Jahrhunderte kleine Brötchen backen sollen.

Die Schlussfolgerung, die sich aufdraengt, ist eine voellig andere. Aus der Sicht des Historikers und ueberhaupt aus der Sicht eines an der Wahrheit Interessierten haben Zuendel und Co. unglaublichen Pfusch geleistet. Aus der Sicht des Propagandisten, der es darauf absieht Einfaltspinsel zu angeln, waren sie hoechst erfolgreich. Denn Sie, Herr Lelarge, uebernehmen in ihrer unmuendigen Gutglaeubigkeit bereitwillig einige entscheidende rechtsradikale Zentralkonzepte, wie Ihre eigenen Worte zeigen:

1. Instrumentalisierung des Holocaust durch eine Gruppe.

2. Betrachtung des Holocaust nicht in erster Linie als geschichtliches Ereignis und als Politikum, sondern als Medienspektakel.

3. Die "Entdeckungen" der Holocaust-Leugner dienen dazu, dass eine ueber mehrere Jahrhunderte identifizierbare Gruppe, die faelschlich Opferstatus beansprucht hat, jetzt endlich "kleinere Broetchen" backen soll.

Wer mag diese "Gruppe" wohl sein? Kleingartenbesitzer? Merken Sie nicht, wie Sie hier langsam in den Antisemitismus reinrutschen?

> Was soll denn der Kampf der Nizkorzisten gegen vermeintliche falsche
> Zahlen von vermeintlichen "Nazis",

Vermeintliche "Nazis" wie diese hier? (http://home.att.net/~heimdal/) Das sind genau die Gruppierungen, die Interesse daran haben, den Holocaust als juedische Erfindung darzustellen. Und das Logo der Zuendelsite ist wohl auch nur Zufall, was? Rotes Feld mit weissem Kreis, in das ein scharfkantiges schwarzes "Z" eingezeichnet ist. Hat natuerlich UEBERHAUPT nichts mit der Hakenkreuzfahne zu tun, nicht wahr?

> wenn sie nicht mal in der freundlich
> gesonnenen restlichen Öffentlichkeiten die angeblich längst bekannten
> revidierte Opferzahlen publik machen können/wollen(?)?

Bevor Sie falsche Behauptungen machen, SCHAUEN Sie sich doch die Nizkor-Seiten erst einmal an:

(http://www.nizkor.org/ ftp.cgi/camps/auschwitz/ victims/numbers.killed)

Nizkor wendet sich nicht gegen "falsche Zahlen", sondern gegen die Manipulationen und Faelschungen von Holocaustleugnern. Die Zahlenspielereien werden naemlich immer von den "Revisionisten" begangen, niemand sonst reitet auf den laengst gewonnenen Erkenntnissen herum. Das, was Sie hier als "Kampf der Nizkoriten" bezeichen ist eine REAKTION auf rechtsradikale Propaganda.

Und dann stelle ich fest fest, dass Sie sich auch schon in Ihrem Sprachgebrauch ganz Ihren offensichtlichen Vordenkern folgen: "Nizkoriten" steht ja sehr schoen in einer Reihe mit "Nizkook", "Holocauster", "Holohoaxer" etc. Wollen Sie durch Ihren Sprachgebrauch eine geistige Affinitaet ausdruecken, Herr Lelarge?

Aber eine Sache interessiert mich wirklich. Sie gerieren sich doch immer so gerne als Freidenker, der sich nicht auf Autoritaeten verlaesst und der nichts akzeptiert, was er nicht selbst durchdacht und nachgeprueft hat. Wie kommt es eigentlich, dass Sie Zuendel und Illig aufs Wort glauben, andere Aussagen je nach Tageslaune ebenso spontan verwerfen. Das widerspricht sich doch irgendwie?!

Nele

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"Work is the curse of the drinking class."
(Oscar Wilde)

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