Leserbriefe von interessierter Seite

"Ihre Argumentation ist schwachsinn!"

Ein Vorgestriger, in dessen E-Mail-Adresse der Geist von 1933 vorkommt, schreibt:

Hallo,

Sie schreiben: "Wer trotz alledem noch behaupten möchte, es hätte im März 1933 eine "jüdische Kriegserklärung" gegeben, sollte zunächst den Text der Kriegserklärung selbst vorlegen können, denn der Zeitungsartikel im Daily Express war ja höchstens ein Bericht über eine Kriegserklärung."

Wie soll man denn eine Kriegserklärung vorlegen wenn der Staat Israel erst 1948 gegründet wurde?

Genau - da es den Staat Israel noch nicht gab, kann es auch keine Kriegserklärung gegeben haben. Vielen Dank für die Zuschrift.

Aber halt - es ist schon ein Kreuz mit den Haken, die diese Hampelmänner allenthalben schlagen:

Natürlich kann man das als Kriegserklärung auffassen und muss das als Staatschef sogar.

Aha. Also gab es keine jüdische Kriegserklärung, weil es den Staat Israel noch nicht gab, aber irgendwie war es eben doch eine jüdische Kriegserklärung.

Ihre Argumentation ist schwachsinn!

Ich weiß. Das höre ich öfter. Manchmal sogar in besserem Deutsch.

Interessant ist das Wort "Staatschef" weiter oben. Mit diesem durchaus wohlwollenden Wort ist Hitler gemeint, der die Kriegserklärung, die eine war, obwohl sie keine sein konnte, auf jeden Fall ernst nehmen musste.

Und jetzt raten wir dreiunddreißig Mal, was dieser Geist wohl zu der Frage sagt, wie der Staatschef denn nun auf diese "Kriegserklärung" reagiert hat. Dazu müsste man allerdings die Quellen kennen. Nein, nicht das, was der Leserbriefschreiber so konsumiert. Ich meine jetzt die richtigen Quellen. So historische Sachen mit viel Text und Fakten, ja?

In Goebbels' Tagebüchern gibt es eine Eintragung unter dem 24.3.1933, also dem Tag, an dem die sogenannte "jüdische Kriegserklärung" im Daily Express erschien. Goebbels schreibt über den Mann, den er ebenfalls für einen ganz famosen Staatschef hält:

Der Führer spricht zum Deutschen Reichstag. Er ist fabelhaft in Form. Seine ganze Rede ist die Rechenschaftslegung eines überlegenen klugen Staatsmannes. Viele im Hause sehen ihn zum ersten Male und sind ganz benommen von der Größe seines Auftretens."

Manchmal könnte man meinen, die Benommenheit sei bis heute nicht recht abgeklungen.

Anschließend berichtet Goebbels über den wichtigsten Tagesordnungspunkt im Reichstag, das sogenannte "Ermächtigungsgesetz". Das "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" wurde am 23.3.1933 verabschiedet und am 24.3.1933 im Reichsgesetzblatt veröffentlicht. Etwas weiter heißt es dann:

Ich schreibe für eine große englische Zeitung einen sehr sachlichen und objektiven Aufsatz gegen die Greuelpropaganda.

Mit der "Greuelpropaganda" ist der Artikel im "Daily Express" gemeint - allerdings nicht die Überschrift "Judea Declares War On Germany", auf die Goebbels mit keinem Wort Bezug nimmt, sondern die Abschnitte, in denen einigermaßen zutreffend über den Protest vieler Personen und Organisationen gegen die antisemitischen Ausschreitungen der Nazis berichtet wird. Zwei Tage später schreibt Goebbels:

Mein Aufsatz gegen die Greuelhetze erscheint im "Sunday Expreß" [sic] und wirkt gut.

Kurz danach ist die Rede von einem

... groß angelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland. Vielleicht werden sich dann die ausländischen Juden eines Besseren besinnen, wenn es ihren Rassegenossen in Deutschland an den Kragen geht.

Etwas später geht Goebbels abermals auf die "Greuelhetze" ein. Mit diesem Begriff bezieht er sich ausdrücklich auf etwas, das er als Propaganda empfindet. Das Wort "Kriegserklärung" kommt bei Goebbels in diesem Zusammenhang schlicht und ergreifend nicht vor.

Die Herren Nazis drangsalieren die deutschen Juden, der "Daily Express" berichtet reißerisch über Proteste, und die Nazis lassen ihren Unmut an den deutschen Juden aus, obwohl diese sich, wie Goebbels berichtet, mit dem Naziregime solidarisch erklärt haben:

Sämtliche Judenverbände in Deutschland erklären ihre Loyalität der Regierung gegenüber.

Von einer "jüdischen Kriegserklärung" ist bei Goebbels weit und breit nichts zu sehen. Am 27. März 1933 erschien zudem in der Londoner Times eine Stellungnahme des "Jewish Board of Deputies", der sich ausdrücklich von den Londoner Boykottaufrufen distanzierte.

Vielleicht muss man Verständnis dafür haben, dass es einen derart betagten Geist ein wenig überfordert, die Zusammenhänge so wahrzunehmen, wie sie wirklich waren.

Siehe auch:

© Jürgen Langowski 2019
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