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Lion Feuchtwanger (Hrsg.)

Der gelbe Fleck

Lion Feuchtwanger
Der Gelbe Fleck

Im Rahmen ihrer unermüdlichen Suche nach Widersprüchen in der etablierten Geschichtsschreibung sind die Leugner des Judenmordes auch auf das im Titel genannte Buch gestoßen. Es handelt sich dabei um eine Dokumentation der Judenverfolgungen in Deutschland, die im Jahre 1936 bei Editions Carrefour in Paris erschienen ist. Das Vorwort schrieb Lion Feuchtwanger, das Buch selbst ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln und zeitgenössischen Texten aus Deutschland.

Anlass der Kritik ist meist der Untertitel "Die Ausrottung von 500.000 deutschen Juden." Das Buch, so behaupten beispielsweise Willie Martin und Richard Harwood (Starben wirklich sechs Millionen?), sei antideutsche Propaganda, denn es stelle die Ausgrenzung und Auswanderung der Juden zu Unrecht als Ausrottung der jüdischen Bevölkerung dar.

Vermutlich in Anlehnung an diese Vorgabe gehen manche Auschwitzleugner noch einen Schritt weiter.

Es werde doch allgemein behauptet, so argumentieren sie, dass der Judenmord erst Anfang der vierziger Jahre in großem Maßstab begonnen habe. 1936 hätte es noch keine Massentötungen gegeben, also könne man das Wort "Ausrottung", wie es im Untertitel vorkommt, auch nicht als physische Vernichtung verstehen.

Da das Wort "ausrotten" 1936 nicht im Sinne von physischer Vernichtung benutzt wurde, habe es auch 1943 nicht diese Bedeutung gehabt. Das Wort bedeute also nicht die physische Vernichtung von Menschen, und daher müsse Himmler in seiner Posener Rede, wo er von der Ausrottung der Juden sprach, irgendetwas anderes gemeint haben - wahrscheinlich ganz einfach die Dezimierung der Bevölkerung durch Auswanderung.

Auf so etwas kann natürlich nur ein zu allem entschlossener Auschwitzleugner kommen, der die deutsche Sprache nicht beherrscht.

Der deutsche Auschwitzleugner Wilhelm Stäglich hat sich natürlich gehütet, sich auf diese Weise zu blamieren. Er beschränkt sich in Der Auschwitz-Mythos auf die Klage, die Autoren hätten doch völlig zu Unrecht von Ausrottung gesprochen, weil zu dieser Zeit "von Übergriffen einzelner Fanatiker abgesehen -- kaum einem Juden ein Haar gekrümmt wurde" (S. 149).

Ein Blick ins Buch zeigt, dass kein einziges dieser Argumente haltbar ist.

Den Juden werde "Lebensrecht, Ehre, Existenz" genommen, heißt es auf Seite 10 in Der gelbe Fleck. Auf Seite 16 werden Statistiken zitiert, aus denn hervorgehe, dass die jüdische Bevölkerung geschrumpft sei, und zwar nicht nur durch Auswanderung, sondern auch aufgrund eines starken Geburtenrückganges. Viele junge Männer und Frauen seien ledig, denn angesichts

einer ungewissen Zukunft und wachsenden Elends scheuen sie das Wagnis der Ehe.

L. Feuchtwanger (Hrsg.), Der gelbe Fleck, S. 17

Auch die Sterblichkeitsrate habe zugenommen, nicht zuletzt durch Selbstmorde, was die verzweifelte Situation der Juden in Deutschland unterstreiche, während die Zahl der Geburten immer weiter zurückgegangen sei. Dies seien, so schreibt der ungenannte Autor in Der gelbe Fleck, "Erscheinungen des Aussterbens". Nach seiner Schilderung der widrigen Lebensumstände der Juden in Deutschland fasst er zusammen:

Nein, es sind keine Exzesse!
Nein, es sind keine 'Ausschreitungen'!
Es ist der kalt-überlegte, zynisch ersonnene, mit dem nationalsozialistischen System unlösbar verbundene Meuchelmord an einer wehrlosen Minderheit.

L. Feuchtwanger, Der gelbe Fleck, S. 17

Das Buch enthält zahlreiche Schilderungen von Gewalttaten gegen Juden. Diese Angriffe auf Leib und Leben der Juden in Deutschland seien keine Einzelfälle, sondern organisierter Terror.

Das Rezept sieht so aus: Zuerst organisieren die nationalsozialistische Partei, ihre Presse und SA die "Volkswut" und die Gewaltakte. Dann wird "die Ordnung" gesichert, die nationalsozialistischen Behörden greifen ein: aber nicht etwa gegen die Gewalttäter, sondern gegen deren Opfer. Am Ende der Massnahmen steht ein Gesetz, das den Terror sanktioniert, der Gewaltakt erlangt Rechtskraft.

Feuchtwanger, Der gelbe Fleck, S. 13

Aufgrund der Zensur und der Drohungen sei es schwierig, ein vollständiges Bild der Gewalttaten zu erhalten, doch seien bereits in den ersten paar Monaten des nationalsozialistischen Regimes 65 Juden ermordet worden,

und es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Liste höchst unvollständig ist!

Feuchtwanger, Der gelbe Fleck, S. 21

Wie man sieht, verstehen die Autoren den Begriff "Ausrottung" genau so, wie Himmler ihn verstanden hat. Sie meinen die physische Vernichtung der Juden, die sich in der Gewalt der Nazis befunden haben.

Es waren keine Einzelfälle, wie Stäglich behauptet. Die Autoren bezeichnen nicht fälschlicherweise die Auswanderung als Ausrottung, und sie meinen mit "Ausrottung" nichts anderes als die physische Vernichtung der Juden.

Die Befürchtungen der Autoren waren sicherlich berechtigt, wie ein kurzes Zitat aus dem "Judenkenner" vom 7. Oktober 1935 zeigt, in dem die Nazis Klartext sprechen:

"Wenn eine judenhörige Armee Deutschlands Boden betreten wird, dann werden ihre Tritte über die Leichen getöteter Hebräer gehen!"

Feuchtwanger, Der gelbe Fleck, S. 11

Offensichtlich haben wir es hier nicht mit einem gelben, sondern mit einem blinden Fleck zu tun, der die Wahrnehmungsfähigkeit der Auschwitzleugner erheblich trübt.





"Der gelbe Fleck" wird u.a. zitiert von:

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© Jürgen Langowski 2016