Holocaust-Referenz
Argumente gegen Auschwitzleugner

Björn Höcke Der SA-Spruch „Alles für Deutschland“

Kernkompetenz Ahnungslosigkeit

Ab 2023 liefen gegen den AfD-Politiker Björn Höcke mehrere Ermittlungsverfahren, weil er den Spruch „Alles für Deutschland“ zustimmend verwendet haben soll.

Björn Höcke trägt eine dunkelblaue Anzugjacke, Oberhemd und einen roten Schlips und blickt konzentriert nach rechts aus dem Bild heraus.

Björn Höcke, Stepro, CC BY 4.0

Höcke bewertete diese Verfahren als Zensur und klagte auf Twitter, in Deutschland würden „wieder politische Gegner verfolgt“, und die freie Meinungsäußerung werde unterdrückt. Er schreibt weiter: „Mir wird das Verbrechen vorgeworfen, ein angebliches Zitat benutzt zu haben, mit dem ich auf eine ‚inkorrekte Weise‘ meinen Patriotismus zum Ausdruck gebracht habe.“

Björn Höcke beklagt Zensur, weil er ein „angebliches“ Zitat benutzt habe, und lädt alle ein, nach Halle zu kommen, um den Zustand der Bürgerrechte, die Demokratie in Deutschland und die Rechtsstaatlichkeit zu besichtigen.

Björn Höcke beklagt sich auf Twitter in englischer Sprache über angebliche Zensur in Deutschland

Es handelt sich bei dem Spruch „Alles für Deutschland“, um den es hier geht, nicht um ein angebliches, sondern um ein tatsächliches und obendrein häufig verwendetes Zitat aus der NS-Zeit. Einige keineswegs erschöpfende Hinweise sollen dies illustrieren.

Zunächst einmal war dieser Spruch in die Messer der SA eingraviert. Die gewalttätige Schlägertruppe der NSDAP hat mit diesem Waffen Menschen ermordet. Der esoterische Faschist Miguel Serrano schreibt dazu: „Der Sinnspruch auf dem Dolch der SA lautete: ‚Alles für Deutschland‘ und befand sich den Zielen des Germanenordens sehr nahe“ [Miguel Serrano, Adolf Hitler, der letzte Avatar, S. 596].

Der SA-Führer Ernst Röhm bezog sich in einem Text folgendermaßen auf diesen Spruch:

Freiwillig ist für den S.A. Mann nur der Entschluß, sich den Sturmtruppen der deutschen Erneuerung einzureihen. In dem Augenblick, wo er das Braunhemd anzieht, unterwirft er sich widerspruchslos dem Gesetz der S.A. Dieses lautet: Gehorsam bis zum Tode dem Obersten S.A.-Führer Adolf Hitler! Gut und Blut, Leib und Leben, alles für Deutschland!

Ernst Röhm, Die nationalsozialistische Revolution und die S.A.

Der SA-Sturmführer Horst Wessel wurde nach seiner Ermordung zum Märtyrer der Bewegung stilisiert. In einer posthum erschienenen Lobeshymne erklärte ein nationalsozialistischer Autor: „Nichts für mich – alles für Deutschland, das war ihm keine Phrase. Er zeigte stets, daß er es ernst damit meinte“ [Erwin Reitmann, Horst Wessel].

SA-Dolch, schräg im Bild, rechts oben der Griff, links unten die Klinge mit dem Spruch.

SA-Dolch mit Inschrift

Es gab seinerzeit auch mehrere Bücher, die diesen Spruch direkt als Titel übernommen haben, so etwa Alles für Deutschland (kein Verf.), Wien 1940, oder Max Gutewort, Alles für Deutschland, Bremen 1935. Auch Hitler selbst benutzte diesen Spruch gelegentlich; so wird er etwa in Deutschland im Kampf von A. J. Berndt folgendermaßen zitiert: „Stahlhart den Willen, vorwärts den Blick, alles für Deutschland!“ (S. 104).

Am 31. Dezember 1936 wandte Hitler sich an die Wehrmacht und ermahnte die Soldaten: „Gehorcht auch im Neuen Jahr der ewigen Losung: Alles für Deutschland!“ [Max Domarus, Hitler, Reden 1932 bis 1945, Bd. I, S. 661].

Im Dezember 1941 verabschiedete sich Generalfeldmarschall von Brauchitsch von der Truppe, da Hitler selbst den Oberbefehl übernommen habe, und schloss mit den Worten: „Der Führer wird uns zum Siege führen. Stahlhart den Willen, vorwärts den Blick! Alles für Deutschland!“ [Domarus, S. 1815]

Den Treueschwur für das NS-Regime, der mit diesem Spruch zum Ausdruck kommt, erneuerten manche NS-Größen sogar noch im Tod. So sagte etwa Generalfeldmarschall Keitel in Nürnberg unmittelbar vor seiner Hinrichtung: „Über zwei Millionen deutscher Soldaten sind vor mir für ihr Vaterland in den Tod gegangen. Ich folge meinen Söhnen nach. Alles für Deutschland!“ [Klaus Kastner, Die Völker klagen an, S. 157].

Auch die Hitlerjugend verwendete diesen Spruch in einer leicht abgewandelten Form [Vgl. Johannes Öhquist, Das Reich des Führers, Berlin 1940, S. 192], und der Neonazi Michael Kühnen griff ihn in Die zweite Revolution auf: „Wer uns bekämpft, wird zerschmettert; wer über uns lacht, dem wird das Lachen schon bald vergehen! Wer aber ehrlichen Herzens den Weg in eine bessere Zukunft für unser Volk sucht, dem reichen wir die Hand! ALLES FÜR DEUTSCHLAND!“ (Großschreibung im Original).

Die Publikation Volksverpetzer hat im Artikel 50 Reden analysiert: So viel Hitler steckt in Faschist Höcke ebenfalls auf dieses Zitat verwiesen und außerdem einen Beitrag veröffentlicht, in dem Höckes SA-Spruch thematisiert wird.

Björn Höcke hat Geschichte für das Lehramt studiert. Er weiß einiges über Geschichte. Es wäre erstaunlich, wenn er bei der Lektüre historischer Quellen – eine Tätigkeit, die seinem Berufsstand zumindest gerüchteweise nachgesagt wird – niemals über diesen Satz gestolpert wäre, und wenn er trotz seiner zweifellos vorhandenen Fachkenntnisse anscheinend nicht wusste oder nicht beachtet hat, in welchem Kontext dieser SA-Spruch zu sehen ist.

In seinem Buch Nie zweimal in denselben Fluss erwähnt Björn Höcke durchaus fachkundig „die einzigartige, fabrikmäßige, durchorganisierte Tötung“, die im NS-Regime stattfand. Das zeugt von einem historischen Wissen, das den – zumindest behaupteten – geringen Kenntnisstand vieler anderer Leute aus jener Ecke des politischen Spektrums weit übersteigt.

Nachdem Höcke wegen des SA-Spruchs zu einer Geldstrafe von 13.000 Euro verurteilt worden war, legten seine Anwälte Revision ein. Das hielt Höcke allerdings nicht davon ab, seinen Buchtitel Nie zweimal in denselben Fluss in den Wind zu schlagen und die SA-Parole an anderer Stelle zu wiederholen.

Dasselbe Landgericht verurteilte ihn ein zweites Mal, jetzt zu 16.900 Euro. Der Deutschlandfunk berichtete:

Höcke tat das obwohl, gegen ihn zu diesem Zeitpunkt wegen der Verwendung derselben Parole bereits ein Strafverfahren lief. Nach Ansicht von Staatsanwaltschaft und Richter handelte Hücke in Gera demnach vorsätzlich. Der Angeklagte „lotet die Grenzen des Machbaren aus“, sagte Richter Stengel.

Deutschlandfunk, AfD-Chef Höcke erneut wegen NS-Parole verurteilt [Zeichensetzung und Schreibweise wie im Original]

Auch gegen dieses zweite Urteil legten seine Anwälte Revision ein.

Das Verfahren ging bis vor den Bundesgerichtshof, beide Revisionen Höckes wurden jedoch abgewiesen. Justitia, das blinde Luder, hatte offenbar doch das Platschen gehört, mit dem Höcke gleich zweimal in das Gewässer gestiegen war, mit dem er nichts zu tun haben wollte.