Das Berliner Telefonbuch von 1941/1942

Anschluss gekündigt

Berliner Telefonbuch 1941
Berliner Telefonbuch
Ausgabe Juni 1941

Ein Täuschungsmanöver der "Revisionisten", das auf den ersten Blick verblüffen könnte, bezieht sich auf die Berliner Telefon- oder Adressbücher. Da im Jahrgang 1941/1942 noch zahlreiche jüdische Einrichtungen oder Personen verzeichnet seien, könne doch von einer Verfolgung und Vernichtung der Juden keine Rede sein.

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin hat eine Reihe von Telefon- und Adressbüchern digitalisiert. Wer mag, kann dort nachschlagen, wie die jüdischen Einwohner und deren Einrichtungen im Laufe der Jahre dezimiert wurden.

Ein Beispiel ist das jüdische Adressbuch für Großberlin, das nur für die Jahre 1929-1932 erschien und 71.000 Eintragungen für Personen sowie die Angaben zu den jüdischen Einrichtungen einhielt. Laut ZLB lebten damals etwa 200.000 Juden im Einzugsbereich. In späteren Jahren sanken die Zahlen, bis die Juden schließlich mehr oder weniger vollständig verschwunden waren.

Die stetig sinkende Zahl der Eintragungen für jüdische Einrichtungen und Personen kann sogar als Indiz für die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nazis betrachtet werden.

Es mag zutreffen, dass im Telefonbuch von 1941 und 1942 noch einige jüdische Personen aufgeführt waren. Telefonieren durften sie allerdings nicht:

"Eine Anzahl unserer Bekannten werden vor die Gestapo geladen und teils mit Geldstrafen, teils mit Gefängnis bestraft, weil sie im Telefonbuch nicht mit dem Zwangsvornamen 'Sara' und 'Israel' eingetragen sind. Dabei besitzen wir doch alle seit mehr als Jahresfrist kein Telefon mehr (...)"

Die Fernsprechanschlüsse waren den Juden im Sommer 1940 gekündigt worden.

Wolfgang Benz (Hrsg.)
Die Juden in Deutschland 1933-1945
C.H. Beck, 1993, S. 602

Ende 1941 wurde den jüdischen Einwohnern auch die Benutzung öffentlicher Telefone unter Strafandrohung verboten. Einige jüdische Einrichtungen durften zu dienstlichen Zwecken vorläufig noch Telefone benutzen.

Die scheinbare Diskrepanz erklärt sich vermutlich daraus, dass Adress- und Telefonbücher einen langen Vorlauf haben. Vor der Verteilung mussten sie erst einmal gedruckt werden, und noch viel früher war Redaktionsschluss - Letzteres vermutlich eine ganze Weile vor dem im Juli 1940 erlassenen Verbot.

Man darf dabei nicht vergessen, dass es damals keine schnelle und effiziente Datenverarbeitung gab. Die Daten mussten von Hand eingepflegt werden, und der Satz der Telefonbücher erfolgte mit analogen Maschinen, die in ähnlicher Form mindestens bis 1972 hergestellt wurden. Entsprechend langwierig und aufwändig war damals der Herstellungsprozess der Telefon- und Adressbücher. Im Grunde waren sie bei Erscheinen schon fast wieder veraltet und mussten durch Änderungs- und Korrekturvermerke aktualisiert werden.

Erwähnenswert ist hier noch, dass Himmler Ende 1941 ein generelles Auswanderungsverbot für Juden erließ. Danach begann die Konzentration der europäischen Juden in den Ghettos, die als organisatorische Vorstufe der Massenvernichtung betrachtet werden kann.

© Jürgen Langowski 2020
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