Ingrid Weckert Feuerzeichen (Novemberpogrome)
Der Titel von Ingrid Weckerts Buch Feuerzeichen bezieht sich auf die sogenannte „Reichskristallnacht“, die Nacht der Novemberpogrome am 9./10. November 1938. Ein längerer Abschnitt über die sogenannten jüdischen Kriegserklärungen am Anfang des Buchs wird an anderer Stelle besprochen.
Was ist am 9./10. November 1938 geschehen?
Ein einem Beitrag der WELT liest man:
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, Nazi-Trupps verwüsteten hemmungslos jüdische Einrichtungen.
[…]
Mindestens 1283 Synagogen wurden zerstört, weit über hundert Menschen ermordet und zehntausende Juden verschleppt.
Sven Felix Kellerhoff, WELT, Gefälscht aus Mangel an Bildern
06.11.2008
Die Weisung an die SA- und SS-Trupps, jüdische Geschäfte und Synagogen zu demolieren, war aus München von der NS-Führung gekommen. Äußerer Anlass war die Ermordung des deutschen Botschaftsbeamten Ernst vom Rath in Paris durch den siebzehnjährigen Herschel Grynszpan. Letzterer wollte durch den Anschlag auf die Abschiebung von über 15.000 polnischen Juden, darunter seine Eltern, aufmerksam machen. Aufgrund der zahlreichen geborstenen Schaufensterscheiben bürgerte sich der Begriff „Reichskristallnacht“ ein.
Kellerhoff erwähnt in seine Artikel eine Fälschung. Ein oft abgedrucktes Foto vom Brand der Synagoge in Oranienburg entspreche nicht den Tatsachen. Die Synagoge sei nicht niedergebrannt. Das Foto sei nachträglich bearbeitet worden [vgl. Sven Felix Kellerhoff, „Gefälscht aus Mangel an Bildern“].
Dies stellt Ingrid Weckert auf S. 189 zutreffend dar. Sie zieht dazu das National Journal heran, das seinerseits eben diesen Artikel aus der Die Welt zitiert.
Beide – Weckert und das National Journal – schenken der bürgerlichen Zeitung in diesem Fall ohne weitere Prüfung Glauben. Was Kellerhoff sonst über die Pogromnacht schreibt, mögen sie dann natürlich nicht mehr glauben. Es lässt das NS-Regime in einem schlechten Licht erscheinen, und solche Lesekost schlägt den heiklen „Revisionisten“ schnell auf den Magen.
Wie man sieht, brauchen wir die „Revisionisten“ nicht, um Fälschungen aufzudecken; sie dagegen brauchen offenbar manchmal doch die Geschichtswissenschaft, die sie sonst generell ablehnen.
Ingrid Weckerts Darstellung in Feuerzeichen
Nach rund 50 Seiten Exkurs zu den sogenannten jüdischen Kriegserklärungen nimmt Weckert das eigentliche Thema ihres Buchs in Angriff. Ihre Attacke gegen die Wirklichkeit richtet sich bereits in der dritten Zeile (S. 51) gegen Juden. Dort fällt das Wort „Hintermänner“, womit sie wohl meint, angeblich seien Juden die Drahtzieher hinter der Pogromnacht gewesen.
Hierzu bringt die Autorin die Organisaton „LICA“ Spiel. Die ihrer Ansicht nach höchst verdächtige Ligue international contre l'antisemitisme (Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus) hatte ihren Sitz in Paris, und Grünspan (Weckert benutzt die eingedeutschte Schreibweise) sei auf dem Weg zu seinem Onkel oft am Sitz der LICA vorbeigekommen. Anscheinend glaubt Weckert, Grynszpan habe sich gewissermaßen im Vorbeigehen mit Terrorismus infiziert. Es müsste so gewesen sein, denn sie erklärt nirgends, dass er das Gebäude auch nur betreten habe.
Weckert schreibt zur LICA:
Trotz des allgemein gehaltenen Namens beschäftigte sich die LICA ausschließlich mit anti-deutscher Propaganda. Jede Gelegenheit, die ihr ein nützlicher Vorwand schien, wurde aufgegriffen, um den in Deutschland angeblich herrschenden Antisemitismus anzuprangern.
Ingrid Weckert, Feuerzeichen, S. 47.
Man beachte Weckerts Wort „angeblich“. Die Nazis selbst haben sich als Antisemiten bezeichnet, während heutige Anhänger dieser Ideologie – Weckert bildet da offensichtlich keine Ausnahme – den Antisemitismus des Hitlerregimes bestreiten. Die Motive sind klar: Wenn man den Kritikern das passende Wort wegnimmt, fällt es gleich viel leichter, die Verbrechen der Nazis zu leugnen.
Und man beachte, dass es, wie Weckert selbst schreibt, ausschließlich um Propaganda ging und nicht um gewalttätige Aktionen.
Außer wilden Vermutungen und dunklen Andeutungen hat Weckert nichts zu den „Hintermännern“ anzubieten. An dieser Stelle wird nicht einmal klar, welche konkreten Personen sie überhaupt meint, und welche finsteren Taten sie den „Hintermännern“ unterstellt. Klar wird nur, dass die LICA oft die deutsche Politik kritisiert hat. Angesichts der Judenverfolgungen des NS-REgimes und der Aufgabenstellung dieser Organisation kann das aber nicht weiter verwundern.
Weckert meint anscheinend, man habe dem völlig unschuldigen Hitlerregime großes Unrecht angetan, und zitiert aus der Zeitung Völkischer Beobachter, die Goebbels' Propagandaministerium unterstand. Dort wurde der Mord eines einzelnen jugendlichen Juden als Schandtat des gesamten Judentums dargestellt – eine Deutung, die Weckert nicht etwa infam und rassistisch, sondern lediglich „übertrieben in ihrer Schärfe“ findet.
Weckert frisiert Graml
Mir liegt vor: Hermann Graml, Reichskristallnacht, dtv 1988.
Anschließend bezieht Ingrid Weckert sich mehrfach auf Hermann Graml, Der 9. November 1938, "Reichskristallnacht", Bonn, 1958. Ihre Zitate erwecken den Eindruck, finstere Gestalten seien in hessischen Ortschaften aufgetaucht und hätten versucht, die SA-Gruppierungen und die Bevölkerung zum Pogrom aufzuhetzen. Insgesamt macht der Kontext erneut deutlich, dass sie als Drahtzieher Juden sieht, die die Nazis zu Übergriffen provozieren und damit die jüdische Auswanderung fördern wollten.
Ob das Folgende auch in Weckerts sehr alter Ausgabe nachzulesen ist, habe ich nicht überprüft, aber in meiner drei Jahrzehnte neueren Version erfährt man, dass die Abläufe weitaus komplexer waren, als Weckert es in ihrem Text darstellt. Hitler gab zwar keinen ausdrücklichen Befehl, die Pogrome durchzuführen, aber:
Hitlers Zurückhaltung gehörte im übrigen auch zu der Fiktion einer „spontanen“ Antwort der Bevölkerung auf Grünspans Attentat.
Vor dem Abend des 9. November war es zu einigen nicht zentral organisierten Pogromen gekommen. Dies änderte sich im Laufe der Nacht. Einige Gliederungen der SA und SS waren nicht gut informiert und reagierten teilweise zögerlich, andere wussten aber auch ohne ausdrücklichen Befehl, was die NS-Führung wollte. Goebbels äußerte sich an diesem Abend in München indirekt, aber sehr deutlich, und gab allen anwesenden NS-Funktionären zu verstehen, dass die Ausschreitungen gewünscht waren.
Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen. Das ist richtig. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln.
Joseph Goebbels ,Tagebücher, 10.11.1938
Die Goebbels-Tagebücher kommen bei Ingrid Weckert vorsichtshalber gar nicht erst vor. Ihre Arbeit ziel ja darauf, die NS-Führung und ganz besonders Goebbels zu entlasten. Ein weiterer deutlicher Beleg spricht freilich eine deutliche Sprache. Es handelt sich um ein Fernschreiben Heydrichs an alle SA- und SS-Dienststellen:
keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums
[…]
Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist
[…] daß nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert werden
Was hier ausdrücklich nicht ausgeschlossen wird, sind die Gefährdung jüdischen Lebens, Schäden an jüdischem Eigentum und die Brände von Synagogen ohne Brandgefahr für die Umgebung.
Ingrid Weckert erwähnt dieses Fernschreiben auf Seite 65 und behauptet, Heydrich
[…] sandte um 01.20 Uhr ein Fernschreiben an alle Polizeileitstellen mit der Anweisung, überall im Land für Ruhe und Ordnung zu sorgen, jüdisches Eigentum zu schützen, Juden – falls etwa wegen randalierender Leute notwendig – in Schutzhaft zu nehmen und im übrigen etwa noch stattfindende Ausschreitungen sofort zu unterbinden.
Weckert, Feuerzeichen, S. 65
Auf Seite 95 zitiert Weckert tatsächlich den vollen Wortlaut, behauptet dann aber überraschenderweise, das Fernschreiben sei eine Fälschung. Das leitet sie aus einer eidesstattlichen Erklärung des SS-Hauptsturmführers der Waffen-SS Luitpold Schallermeier ab. Angeblich bestünden zwischen dem, was Schallermeier in seiner Erklärung beschreibt, und Heydrichs Fernschreiben, so große Diskrepanzen, dass Letzteres zur gefälscht sein könne.
Schallermeier erwähnt einige Details und paraphrasiert Heydrichs Fernschreiben, weicht aber im Wesentlichen gerade nicht vom Inhalt ab.
Es gibt mehrere weitere Fernschreiben und andere Zeugnisse aus jener Nacht, die alle in die gleiche Richtung weisen. Die Pogrome waren von höchster Stelle gewünscht [vgl. die sehr ausführliche mehrteilige Dokumentation Die Auslösung der Pogrome].
Weckert berücksichtigt nur einen Teil der Quellen, mit denen sie zudem revisionistisch umgeht. Über ein ebenfalls recht deutliches Fernschreiben von SS-Standartenführer Heinrich Müller („Gestapo Müller“) meint sie, der Offizier habe keine Weisungsbefugnis gehabt, und deshalb sei das Fernschreiben eine Fälschung. Warum der stellvertretende Chef des Amtes Politische Polizei im Hauptamt Sicherheitspolizei Heinrich Müller gegenüber den Staatspolizeistellen nicht weisungsbefugt gewesen sei, erklärt sie nicht.
Außerdem, so Weckert, sei das Dokument gefälscht, weil das Deutsch so schlecht sei. Wenn das eine gültige Argumentation sein soll, dann müssten wir uns bei einigen „revisionistischen“ Werken ernsthafte Gedanken machen, wer sie denn tatsächlich verfasst hat.